Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 149 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 149 beiden Bewegungen ist eines der interessantesten Kapitel in der Geschichte des jüdischen Sozialismüs. Es gestaltete sich vielfach ganz anders als bei den anderen Völkern. Während sich bei manchen anderen Völkern zunächst die Gewerkschaftsbewegung entwickelte und die politische Klassenbewegung in einem mehr oder minder großen Zeitabstand folgte, so war das Verhältnis bei den jüdischen Arbeitern mit geringen Ausnahmen umgekehrt. Die politische Partei kam zuerst zum Vorschein, erkämpfte sich die Geltung und ging dazu über, ihrerseits die Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen. Und wenn wir bei der Erforschung der jüdischen Gewerkschaftsbewegung eines bestimmten Landes auf die Tatsache stoßen, daß sie sich vor der Entstehung der politischen Partei entwickelt hat, so ist noch immer nachzuspüren, ob es nicht etwa die sozialistische Bewegung des Landesvolkes war, die die Bildung der jüdischen Gewerkschaftsbewegung verursacht hat. Die jüdische Gewerkschaftsbewegung ist also nur in den seltensten Fällen ganz selbständig entstanden. So war auch das Kräfteverhältnis zwischen Gewerkschaft und politischer Partei ein anderes als bei den meisten Völkern. Im Gegensatz zu der schwachen, immer wieder zerfallenden, blutarmen jüdischen Gewerkschaft waren die jüdischen sozialistischen Parteien, selbst die schwächeren unter ihnen, viel kräftiger und lebensfähiger. Man kann sich, um ein krasses Beispiel zu wählen, kaum einen größeren Widerspruch vorstellen, als etwa die englische Arbeiterbewegung mit ihren großen und starken Gewerkschaften und der bis vor kurzem schwachen, wenig bedeutenden sozialistischen Partei, und die jüdische, wo das Verhältnis, natürlich relativ genommen, fast immer (mit der einzigen Ausnahme der jüdischen Gewerkschaften Amerikas) das umgekehrte war. Und schließlich war (und ist in gewissem Grade bis zum heutigen Tage) das gegenseitige Verhältnis von Partei und Gewerkschaft bei den jüdischen Arbeitern ein unvergleichlich innigeres als bei den anderen Völkern. Es ist insbesondere in den ersten Jahren der jüdischen Gewerkschaftsbewegung fast unmöglich, einen reinlich scheidenden Strich zwischen Partei und Gewerkschaft zu ziehen; immer wieder wachsen die beiden ineinander hinein und bilden ein unlösbares Ganze, in dem nicht einmal von einer Trennung von politischer und gewerkschaftlicher Tätigkeit gesprochen werden kann. Die Gründe dieser eigenartigen Erscheinung in der jüdischen Arbeiterbewegung ergeben sich leicht aus der Eigenart der jüdischen Lohnarbeit überhaupt. Wir haben schon vorher erwähnt, welch großes Hindernis für die Entwicklung der jüdischen sozialistischen Bewegung die Tatsache des Zerstreutseins der jüdischen Arbeiterschaft in den Hunderten und Tausenden kleiner Werkstätten bedeutete, wo ein lebendiger Kontakt von Arbeiter zu Arbeiter fast ausgeschlossen war. Um wie viel mehr mußte eme derartige Erscheinung den kräftigen Ausbau eines starken Gewerkschaftswesens erschweren. Die große Verschiedenheit der Interessen, die Mangelhafte Entwicklung des Solidaritätsgefühls, beides durch die Tatsache des Zerstreutseins verursacht, ließ eine derartige Bewegung lange