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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 144

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Landung und Quarantäne
Date
1923-01-01
Page
144 (sequence 8)
Language
German
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144 Albert Maurüber: im Lager: ein vanilleduftendes Gänseblümchen mit ganz flacher, wie gepreßter Krone, die im Querschnitt das ideale Bild einer Menorah zeigt; •eine Knoblauchart mit blauvioletten Früchten in Dolden, deren Zwiebel gering bewurzelt und mit weißen Kügelchen behängt ist; vereinzelt Gräser, und: eine farbenprächtige wilde Pelargonie. — Es wird wieder über die Arbeitsmöglichkeiten gesprochen. Dies interessiert den Jeschiwebocher nicht; er liegt auf der Seite, hält in einer Hand ein arabisches Wörterbuch, das er auswendig zu lernen beabsichtigt, und läßt durch die andere Hand die Fäden des „Laibzedekl" rinnen. Als das Wort Lohndruck fällt, blickt er auf und lächelt. Hebt eine Hand, öffnet den Mund und wartet. Listige Funken sprühen in seinen wasserfarbenen Augen auf, aber er beherrscht sich und wartet. Schließt den Mund und öffnet ihn wieder; das Lächeln bleibt. Meine Vermutung, daß er ursprünglich zum Kaufmann veranlagt ist und die Jeschiwe sein Wesen kompensiert, damit es sich der schopenhauerischen Philosophie ergeben kann, ist vor einer Stunde bestätigt worden: er hat den Versuch gemacht, vom Lagerpersonal eine größere als zugeteilte Portion zu bekommen. Der Ägypter gab ihm für uns Sechs sieben Stück Käse — er verlangte ein achtes; da nahm der Mann auch das siebente zurück. Woher das Verlangen nach dem achten Stück Käse kam, ist auf profane Weise nicht zu erklären; er aß ihn nicht und wir anderen ließen jedesmal übrig; ein Automatismus, ein Dybuk der Entwicklung trieb ihn. Auch die Astrologie aß er nicht und die Naturphilosophie lag unverdaulich in seinem gläubigen Bauche —, aber er sah viele Stück Käse, da erinnerte sich ein alter Jude in ihm, daß Hunger weh tut, und aus der richtigen Vorstellung wurde ein falscher Wunsch. Er hat das Wort, das ihm so lange auf der Zunge liegen mußte, endlich ergriffen und teilt mit, daß er mit 2 Pfund auskommen .werde. Entbehrungen machen ihm nichts, er sei bestimmt zu einem „gaistigen Leben". Ja, er trägt ein schmutziges „Laibzedekl" und macht sich nichts aus dem Wasser, das ihm reichlich zur Benützung steht. Er führt ein geistig Leben. Wenn er die Misrachi oder eine neue Richtung führen wird —ich versprach ihm eine Verurteilung zu lebenslänglicher Arbeit für den Fall, daß er mir in den nächsten Jahren vor ein Revolutionsgericht kommt. Als der Jeschiwebocher den Betrag nannte, mit dem er sich ernähren wollte, spuckte der Miseritseher aus. Tränen kamen ihm in die Augen und er klagte, man habe ihm einen Tageslohn von einem Pfund und mehr in Aussicht gestellt. Am liebsten möchte er sofort zurückfahren. Er schweigt und starrt in die Wand: gedrungen, stark, feig. Der Litauer hat zugehört. Er ist einfach und bescheiden. Ich vertrage mich gut mit ihm; er pflichtet mir bei, daß jede Anmaßung wider Reinlichkeit und Sozietät streng zurückgewiesen werden muß, und wenn er es den anderen sagt, ist der Ton seiner Stimme völlig verändert, von der Strenge und Grobheit eines, der Soldat gewesen ist. Täglich wäscht er sich halbnackt, rasiert und frisiert sich, schiebt die Mütze aufs Ohr und wartet, daß die Warschauerinnen vorüberkommen. —

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