Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Landung und Quarantäne
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 143 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Landung und Quarantäne 143: wartete auf ein Telegramm aus Tel-Awiw und zeigte jedesmal das Bild seiner Braut herum, wenn irgendwer ins Zelt zu Gast kam. Der Litauer lag still oder lachte zu den Witzen der anderen, ziemlich teilnahmslos und aus angelernter Höflichkeit, von Interesse nur für die drei Warschauerinnen, die im Nebenzelte wohnten. Individuell benahmen sich auch die anderen zwei: der Getreidebatlen, der sich aus Pogromen gerettet hatte, bemerkte zu jedem Notschrei des Miseritschers: ,,Wot dir besser gewen in Pojlen?" und lachte dazu ganz sonderbar, indem er herzhaft einsetzte, laut wurde und jäh, wie ertappt, abbrach. Er war sehr furchtsam und klagte, das Schreien des Esels aus der Wollwäscherei — der während der Nacht im Göpel ging — lasse ihn nicht schlafen. Der Jeschiwebocher, übergroß, rötlich, weißhäutig, nahm an profanen Gesprächen nur widerstrebend teil. Erst dann, wenn „Bildungsmaterial" geredet wurde, erwachte seine Debattierfreude und hielt, was ich von ihr befürchtet hatte. Er vermochte in drucküberreifer Hilfsbuchtechnik populäre Erklärungen zu geben; versöhnlichen Gemütes nötigte er den Batlen, in der Naturphilosophie keine Gefährdung der Religion zu sehen; dem Inhaber des Brautbildes rang er das Geständnis ab, hinfort den Horizont des Geistes erweitern zu wollen — denn auch die Astrologie . . . und Pascal hat gesagt —; mich benützte er gerne und nachdrücklich, um Höhersprünge ins „Exakte'* zu tun. Ich lieferte ihm alle Anlässe, die er brauchte. Ein einziges Mal wagte ich eine Richtigstellung seiner Einführungen; da erwies er sich so voller Wissenschaft, daß er nicht zu bewegen war. Unsere Beschwerde hatte einen kleinen Erfolg, abends war das Menü: Tee mit Kondensmilch, ein Drittel Brot, ein Stück arabischer Käse, Jam. — Die Klosetts im Lager sind asiatisch. Eine zweiteilige Kammer aus Wellblech, ohne Dach. In der einen Abteilung befinden sich zwei, in der anderen drei große Blecheimer mit hölzernen Deckeln. Asiatisch ist auch die Wasserversorgung. Eine Schlagpumpe hebt das Grundwasser in ein hochgelegtes eisernes Bassin, von wo es auf der einen Seite zu den Lagern, auf der anderen zur Wollwäscherei abfließt. Das Bassin ist der Sonnenbestrahlung ausgesetzt, und die Leitungsröhren liegen nur zur Hälfte im Sande. Der geringste Defekt schneidet den Wasserzufluß ab — dies geschah dreimal in fünf Tagen. Dann waren Reparaturen nö*ig, nach welchen das Wasser bewies, daß geölt worden war. Neben der Pumpe standen sehr alte, übermannsgroße Kakteenstöcke, die zahlreich blühten. Auch Maulbeerbäume — mit reifen Früchten — und Palmen befanden sich dort. Zwischen den Zelten wucherte eine meterhohe. Distel, mit sehr scharfer Stachelkrone und kleiner, nach dem Öl der Sonnenblume duftenden Blüte. Als wir ins Lager kamen, waren alle Wege von den Disteln bestanden, und daraus ergab sich für uns die erste Arbeite viele machten sich willig und lustig daran, die Wege zu säubern, aber nur wenige hielten länger als fünf Minuten aus, und diese nur, weil sie über die Kratzwunden lachen konnten. Ich unterwies sie dann, wie sie die Pflanze anfassen müßten, um sie unverletzt abzuschneiden. Andere Flora.