Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 145

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Landung und Quarantäne
Date
1923-01-01
Page
145 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101205-3108999--6832-3109034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Landung und Quarantäne 145 Ich habe mit anderen unter Führung des Ägypters an der Schlagpumpe gearbeitet. Dabei leidet man weniger unter der Hitze. Der Ägypter machte uns eine Sprungübung vor: er nahm einen Stock in beide Hände, hielt ihn etwas vor sich und sprang über ihn. Ich tat ihm sofort nach, worüber er sich sehr freute. Seither lacht er mir zu und begrüßt mich mit Schaljom", worauf ich nur „Jella" erwidern kann, das Wort, das ich seit der Ausschiffung überall gehört habe: es bedeutet „schneller". Ein Araber aus der Küche, der den Ägypter ablöste, machte ein anderes Stückchen vor: er drehte das Rad der Pumpe 71 mal. Nach ihm ein Jude 54 mal und ein anderer 67 mal; ich wartete und beobachtete. Der Araber lachte, ging und machte 104 Umdrehungen. Nach ihm trat ich an und drehte das Rad 122 mal. Man mußte den Trick heraushaben, das Rad über den toten Punkt zu heben, was bei zweckmäßigem Handgriff und ökonomischer Körperhaltung leicht gelang. Der Lagerkommandant, vom Miseritscher „stimer Melech" genannt, ist mittelgroß, glattrasiert, gut genährt; sieht immer gelangweilt aus und bleibt auf dem täglichen zweimaligen Rundgang da und dort stehen, um sich interessieren zu lassen, aber seine Augen bleiben verschlafen mattgrau. Am ersten Tage beanstandete er mich, weil ich im offenen Zelt mit nacktem Oberkörper lag: dies sei unstatthaft; die maidens würden . . . ich weiß nicht was. Am selben Nachmittag traf er mich dann dabei, daß ich die Disteln wegschnitt; da klopfte er mir distinguiert auf die Schulter und meinte, es sei gut. Man sagte ihm, ich sei gardener, und auch dazu meinte er, es sei gut; und er verzog eine Wangenfalte, was unter Engländern wohl ein Lächeln bedeuten dürfte. Mehrere Immigrierte sind zu mir gekommen und haben Klage geführt über die Palästinaämter: man habe ihnen keine oder falsche Informationen .gegeben; man habe sie beim Geldeinwechseln übervorteilt. Ihre Aussagen paßten zu dem, was ich über die von ihnen genannten Ämter wußte, darum habe ich alles genau aufgezeichnet; wiewohl ich weiß, daß es kein vorgesetztes Amt gibt, dem ich das Material zur Untersuchung vorlegen kann. Heute abend werden wir entlassen werden. Vorläufig geschah es den drei Warschauerinnen, die der Arzt auch sonst in der Quarantäne begünstigt hat. Anscheinend ist niemandem dadurch Unrecht geschehen. In Wirklichkeit sind alle anderen ins Gefühl der Minderwertigkeit versetzt worden. Der Arzt, stellen sie fest, hat bei allen Dienst und darf nur jene früher aus der Beobachtung entlassen, deren Gesundheit es nötig macht. Also: Kranke und Kinder. Aus privatem Interesse an Einzelnen darf er nur eines tun: humane Behandlung aller durchsetzen, und dies dürfte er auch als Uninteressierter. Der Fall ist ein Beispiel für viele, in denen nur soziale Hilfe erlaubt ist. Auf die Handlung des Arztes reagieren zuerst die Mädchen. Sie wollen nicht zurückgesetzt sein. Der Engländer kaut deswegen etwas dem Arzt vpr, der lächelnd errötet; da greift initiativ der Beamte des Waad Alijah und erklärt, daß alle heute bestimmt entlassen, werden. Heft 3. 10

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.