Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Landung und Quarantäne
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 142 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Albert Maurüber: einen Preis vereinbart, der gering sei und — well — diesem Preise gemäß verpflege er. Der Arzt versuchte, mit einem staunend nicht recht verstehenden Gesicht und verbindlichen Blicken an alle Beteiligten für sich Neu» tralität zu erhalten. Übrigens, schloß der Engländer, sei ihm nicht recht, daß an der Wasserleitung Wäsche gewaschen werde. Die Mädchen, die es getan haben, verantworten sich, daß sie nur ein Hemd ins Lager haben mitnehmen dürfen. Nochmals berührt der Engländer die dinner-Frage, jetzt ganz gefaßt und erstaunend: das Essen sei ja gut. . .? Da besorgte ich den szenischen Effekt, indem ich den großen Blechkübel aus der Lagermitte, in den alle Abfälle geworfen wurden, herbeitrug, vor ihn stellte und ihm seine Makkaroni zeigte, die den Kübel füllten. Er zog die Achseln um ein Geringes in die Höhe, bewegte die Augenbrauen und ging. Die Emigranten taten nun nichts mehr dazu, besseres Essen zu bekommen. Es war ihnen nur darum zu tun gewesen, sich ein bischen vom Herzen wegzureden. In Wahrheit lag niemandem etwas an der Nahrung, man aß mechanisch und wegdenkend und ließ von den „vertragsgemäßen" Portionen übrig. Die Chaluzim, die zum Lager kamen, erzählten Trauriges über die Wirtschaftslage; daß die Berichte meistens in lustiger und ironischer Form gegeben wurden, machte sie nur schluckfähig — umso nachdrücklicher verstimmten sie. Wann immer man vor das Zelt trat, konnte man Zeitung hören. Jenseits des doppelten Zaunes standen, gingen und kamen jene, die bekannt waren oder Bekannte suchten oder doch Nachricht hören wollten, wie es im „Stejtl" zugehe, ob Mendl unterwegs sei, ob Chajim wirklich nach Argentinien, nicht nach Erzjisrul auswandere . . und so fort je nach den Schicksalen, Temperamenten und Plänen. Zur Gegengabe erhielten wir Details über den Standard of life, über die englische Herrschaft, über den Ämterzionismus. In den Zelten waren die Gespräche auf den draußen angegebenen Ton gestimmt, und nach zwei Tagen sind alle bis ins Innerste erschreckt und verzagt. Keiner hat den Mut oder den Leichtsinn, zu sagen, er werde Arbeit finden. Aber fast alle sind bereit, sich zu bemitleiden, und manche finden darin den ersten Trost. Abends, nachdem die Älteren und die Ganz jungen sich zum Schlafen niedergelegt hatten — Licht durfte nicht angezündet werden —, versammelte sich die Jugend auf einem Sandhaufen zwischen zwei Palmen und sang, zusammen mit denen vor dem Zaune. Und die andere Nachricht vom Lande drang in das Lager ein: unter seinem milden hellen Nachthimmel sein sehnsüchtiges Lied. — Meine Zeltgenossen waren ein Maurer aus Miseritsch, — dem man gesagt hatte, er werde genug Geld verdienen, um seine Frau zu unterstützen und später zu „beziehen" —, ein anderer Pole, dessen Beruf nicht festzustellen war — er sprach von vielen, von business und von besseren Tagen in Amerika —, ein Photograph aus Litauen, ein Jeschiwebocher und ein Getreidehändler aus der Ukraine. Der ohne erkennbaren Beruf lag fast den ganzen Tag über auf der Matte, rauchte, frozzelte den Miseritscher,