Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Landung und Quarantäne
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101205-3108999--6827-3109029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 Albert Mauriiber: wenig für so viele trockene Kehlen. Durch ein rückwärtiges Fenster wurde mit denChaluzim gesprochen; sie übernahmen es, Verwandte zu verständigen. Ein Polizist kam aber bald hinter unseren unreinen Verkehr und vertrieb die draußen. Später, als sie zurückkehrten und er sich sonst nicht zu helfen wußte — sie sagten „Chawer" und er stand hilflos da — schloß er das Fenster. Stunden vergingen. Der Durst stieg, Hunger stellte sich ein Und die Menschen wurden immer gereizter; die Rücksicht auf den Nebenmann schwand, unter dem schweren Druck der unhumanen Behandlung entstand brutaler Zorn, der das geringste Mißverständnis zum Anlaß eines Ausbruches nahm. Man wurde beinT Namen zur zollamtlichen Handlung aufgerufen; dann mußte man im allgemeinen Wirrwarr seine Gepäckstücke aus einem Riesenhaufen heraussuchen und auf einen Tisch schaffen — sofern die Zolldiener es duldeten, was sie meistens nicht taten, sondern alles selbst besorgten, schnell und rabiat. Es wurde viel Schaden gemacht, wie schon früher beim Verladen in die Barken. (Dort hatten die arabischen Träger die Kisten, Körbe, Koffer so schlecht zum Herablassen ins Boot versichert, daß sie meistens hart aufschlugen und zum Teil beschädigt wurden. Eine Kiste mit Werkzeugen barst und die Werkzeuge fielen daher und dorthin; manche werden dabei verloren gegangen sein.) Der Revisor amtierte wie seine europäischen Kollegen, eher noch unbefangener: er griff in den geöffneten Korb, stülpte den Inhalt heraus, suchte, warf solche Gegenstände, die er desinfektionswürdig schätzte, heraus, stülpte den Rest in den Koffer zurück und stieß das Gepäckstück beiseite in die Arme des schweißtriefenden Besitzers. Stundenlang ging es so weiter. Lärmen, Weinen, Schelten, sachliche Erklärungen vermochten nicht, das amtliche Werk zu stören. Ein Mädchen wurde ohnmächtig. Dr. Ijef, der schon früher wütend und machtlos zu intervenieren versucht hatte, verlangte jetzt den Quarantänearzt — man wußte nicht, wo er war. Einem alten zionistischen Parteigänger, der in Versammlungen und auf Kongressen ergraut war, fiel das Herz in die Resignation, das Gepäck „mafker" zu sein. Er schrieb eine flammende Ich- Besch werde an den Waad Ali ja und beruhigte sich zu zuversichtlicher Hoffnungslosigkeit. Dies brachte ihn den anderen nahe, und zu seinem großen Erstaunen entdeckte er, daß es nicht nur ihm schlecht erging. Juden, an Pogrome gewöhnt, durch sie solidarisch gemacht, in ihnen aufgewachsen: Sie klammern sich an ihr Gut bedingt; bricht die äußere Macht durch die Interessengrenze, so geben sie in einem Moment alles preis. Und von da an sind sie wie von einer Last, die ihnen zu schwer war, befreit und bekommen Interesse für die Mitmenschen — es entsteht die Solidarität des gemeinsamen Unglückes. Anfangs enge, erweitert sich mit dem Wachsen des Leides ihre Bereitschaft zur Hilfe, das Leid treibt sie den anderen zu. Im Wasser entstehen immer weitere Kreise, je schwerer der Stein ist und je wuchtiger er hinein geschleudert wird. Wenn man eine Zwiebelfrucht häutet, bleibt immer weniger vom Fleische zurück, aber das Fleisch wird zarter dem Herzen zu. Ja, an der Klagemauer eines zerstörten Tempels