Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die zionistische Kolonisation
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 136 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Charles Gide: Die zionistische Kolonisation nicht unterbringen kann, Arbeit, wenn es keinen verfügbaren Boden oder gerade keine unbesetzten Stellen in den Siedlungen gibt. Es soll ein rührender Anblick sein, unter diesen Arbeitern junge Leute zu sehen, die erst eben die Universität verlassen haben und die nun die Steine auf der Straße zerhauen oder die Schubkarren drücken. Ferner hat sich eine allgemeine Arbeitervereinigung gebildet, die die arabischen Arbeiter nicht nur nicht ausschließt, sondern im Gegenteil unterstützt, obwohl sie dadurch selbst Feindseligkeiten mit den einheimischen Großgrundbesitzern herbeiführt. Diese Vereinigung, die allerdings eine mehr syndikalistische Organisation ist, unterstützt auch die korporative Bewegung, besonders die der. Arbeitsgenossenschaften, der sogenannten Gilden. Bei ihrer Konstituierung hatte sie die Ehre, den berühmten Physiker Einstein zum Paten zu haben. * * * Doch soll man nicht übertreiben. Noch ist alles erst am «Anfang. Die zionistische Bewegung hat mit vielen und mächtigen Feinden zu rechnen. Nicht allein bei den Arabern in Palästina und Syrien, nicht nur in der katholischen Welt, wo man sich bei dem Gedanken empört, einen jüdischen Staat dort entstehen zu sehen, wo Jesus gekreuzigt wurde — erst kürzlich kündigte in einer römischen Konferenz der Bischof von Jerusalem, Mgr. Barlassina, diese Entrüstung mit folgenden Worten an: „Die ganze Christenheit müßte sich erheben, um dem unerträglichen Zustande in Palästina ein Ende zu bereiten" — sondern auch in der jüdischen Welt. Und es steht noch nicht fest, ob nicht eines Tages, wenn nicht mehr ein Jude der englische Gouverneur in Palästina ist, der zionistische Aufschwung nicht sehr nachlassen wird. Allein wir wollen auf dem ökonomischen Gebiete bleiben. Was ist man berechtigt, in dieser Beziehung zu erwarten? Werden die Zionisten aus Palästina wieder das Land Kanaan, das „gute Land" machen, wie es die Kundschafter Josuas nannten, das Land, wo Milch und Honig floß und wo Weintrauben reiften in der Größe, daß nur mit Mühe zwei Menschen eine tragen konnten? Vielleicht sahen damals die Hebräer dieses Land mit einiger Übertreibung — wohl erklärlich bei Menschen, die vierzig Jahre lang in der Wüste umhergeirrt waren, ähnlich wie heute diejenigen Franzosen, die nach einer Durchquerung der Sahara am Niger ankommen. Selbst wenn man annimmt, daß Palästina vor dreitausend Jahren fruchtbar war, so hat es seitdem doch schreckliche Wechselfälle erleben müssen, und wenn man auch heute noch dort Wein und Honig ernten kann, so sieht man doch nicht recht, woher die Milch fließen soll, es sei denn von einigen Ziegen oder Schafen. Immerhin ist Galiläa fruchtbar, es hat Früchte, aber es fehlt an Bewässerung und das Wasser ist selten. An eigentlichen Wasserläufen gibt es fast nur den Jordan, und das Schicksal hat ihn vierhundert Meter unterhalb des Mittelmeers gelegt, so daß für die Bewässerung Palästinas auf ihn kaum zu rechnen ist. Nichtsdestoweniger hofft man, ihn durch Dämme aufstauen zu können, um die weiße Kohle zu erhalten; und der Jordan, der keine Wunder mehr gesehen hat„