Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die zionistische Kolonisation
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Charles Gide: besetzten Boden niederließen, wofür sie einige Schundwaren an wilde Stämme zahlten. Palästina ist zwar wenig bevölkert — etwa 700 000 Einwohner auf 30 000 qkm, d. h. 23 Einwohner auf 1 qkm, während die Dichtigkeitsziffer der französischen Bevölkerung 73 beträgt — und außerdem noch wenig bebaut — nur ein Viertel des Landes wurde bisher urbar gemacht — aber es ist schon ganz von den Einheimischen in Besitz genommen. Andererseits kann man diese nicht summarisch enteignen, wie es in den eroberten Kolonien und auch oft in Algier geschehen ist. Es gibt also kein anderes Mittel, wenn man das Land haben will, als es zu kaufen. Anfangs war das leicht, denn der Boden war nicht teuer. Aber gerade durch die Tatsache der zionistischen Bewegung und die dadurch geschaffene Nachfrage wurde der Preis des Bodens verdrei- und vervierfacht. Es hat sich dann vor etwa zwanzig Jahren ein besonderer Fonds zum Rückkauf des Bodens gebildet, der „Jüdische NationaHonds", der den Zweck hat, durch Monopolisierung des Ankaufs die Überteuerung zu vermeiden und der Bodenspekulation eine Schranke zu setzen. Dieser Nationalfonds verschafft sich seine Geldmittel durch Spenden und durch all die erfinderischen Mittelchen, die man anwendet, um die allgemeine Freigiebigkeit anzuspornen, wie Markenverkauf, Sparbüchsen, Erinnerungsfeiern. Da es aber nicht genügt, die Mittel aufzubringen, die notwendig sind, um den Boden zu kaufen, sondern da man auch die Kapitalien haben muß, um ihn auszunutzen — und diese Ausnutzung ist sehr teuer, besonders wenn man die Baumzucht als die lohnendste Bebauung pflegen will —, so hat man im Jahre 1920 einen neuen Fonds gegründet, den sogenannten Aufbaufonds (Fonds de Developpement, Keren ha jessod), mit einem ungeheuren Programm und einem gewaltigen Voranschlag: eineinhalb Millionen englische Pfund jährlich. Aber das steht nur auf dem Papier. Tatsächlich haben die Einkünfte, die durch eine freiwillige Steuer, „den Zehnten*4, von allen Juden beschafft werden sollten, bisher nicht ein Drittel dieser Summe erreicht. Man wird zweifellos sagen, bei den Juden herrsche kein Geldmangel. Gewiß, es gibt viele reiche Juden, aber sie sind im allgemeinen antizionistisch, außer einigen, deren Namen wie die von Heiligen in der Geschichte des Zionismus verehrt werden: Baron Edmund von Rothschild in England und Baron Hirsch in Frankreich. Die Verbreiter und Anhänger des Zionismus sind aber im allgemeinen arm und mehr noch: die Kolonisten selbst, die besonders aus den Ländern der Verfolgung, aus Rußland, Polen und Rumänien kommen, bringen nichts weiter mit als einige Papierbündel Rubel oder Kronen. Übrigens braucht man nicht zu bedauern, daß die Kolonisationsmittel sich nur langsam vermehren und die Besiedlung sich nur schrittweise ausdehnt. Denn eine zu schnelle Besiedlung wäre gefährlich; sie würde nämlich eine zu starke Einwanderung hervorrufen, würde den Preis des Bodens übermäßig steigern und das Nationalgefühl der Araber überreizen, das, schon erwacht, heftig auf die jüdisch-nationalen Bestrebungen reagiert-