Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die zionistische Kolonisation
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 129 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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CHARLES GIDE / DIE ZIONISTISCHE KOLONISATION > Aus dem Französischen übersetzt von Walter Fischel Der Zionismus ist in Frankreich wenig bekannt und beschäftigt kaum die Öffentlichkeit. Denn die Franzosen lesen die Bibel nicht, und wenn sie sich den Anschein geben, sie zu kennen, und es sich einfallen lassen, sie zu zitieren, begehen sie die lustigsten Schnitzer. Aber wir, Hugenotten der Cevennen, kennen «sie auswendig ebensogut wie die Engländer, fast so gut wie die Juden. Ich bin niemals in Palästina gewesen, aber ich kenne alle Wege — von den Bergen Moab nach Jericho, von Hebron nach Jerusalem, von Jerusalem nach Bethanien — durch die Josua, David und Jesus gezogen sind. Ich habe oft für mich den Osterwunsch wiederholt: „Nächstes Jahr in Jerusalem", und habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dorthin meine letzte Pilgerfahrt zu unternehmen. * * * Trotz der großen Zerstreuung des jüdischen Volkes über die ganze Welt haben sich dennoch immer Juden in Palästina aufgehalten, besonders in Jerusalem, wo sie am Fuße der Klagemauer weinten, aber diese Juden waren Fremde in ihrem eigenen Land. Der Gedanke, den Juden Judäa wieder zurückzugeben, ist neueren Ursprungs, vom Ende des letzten Jahrhunderts. Ich will nicht die Geschichte des Erwachens der jüdischen Nation erzählen, sie nicht einmal zusammenfassen, denn sie ist schon oft dargestellt worden, und die Episoden und Namen der Erwecker sind wohlbekannt. Ich lasse die politische Geschichte beiseite und beschäftige mich nur mit dem ökonomischen Programm, d. h. eigentlich mit der Kolonisation Palästinas. Jede Kolonisation setzt zuerst den Erwerb des Landes voraus. Nun ist aber diese erste Bedingung nicht leicht zu verwirklichen; es handelt ^ch hier nämlich nicht um eine Besiedlung jungfräulichen Bodens wie bei <ien Pilgervätern in Amerika, wo die Kolonisten sich einfach auf dem un- 1) Der berühmte französische Nationalökonom, der in Deutschland vor allem durch seine mit Rist gemeinsam verfaßte, von Franz Oppenheimer herausgegebene „Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen" bekannt geworden ist, veröffentlicht die vorstehende Arbeit in der dieser Tage erscheinenden „Festschrift" zum 60. Geburtstag von Professor Oppenheimer. Die sachliche Wärme seiner Darlegungen ehren den christlichen Freund der Palästinasache ebensosehr wie den Jubilar, der die Fühlung mit dem großen Aufbauwerk niemals ganz ver-* Joren hat und dem wir für sich und für Erez Israel zu seinem Ehrentage wünschen: daß er auch auf diesem Gebiete den großen Verdiensten seiner Jugend nun die männliche Krone der Vollendung hinzufügen möge. D. Red. Heft 3 g