Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Gegen den Strom
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 119 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen : Gegen den Strom i*9 Grundlage der modernen Demokratie aufgestellt haben. Die, die einen freien Bund vor und mit Gott schließen, sind vor ihm und untereinander gleich und Brüder. Aus diesem Gedanken wurden die weitestgehenden politischen und moralischen Folgerungen gezogen, er war die Grundlage des gesamten Denkens der frühen amerikanischen Siedler. Später artete dieser Demokratismus in den engen Sektengeist einer kleinen,herrschenden, Reichtümer aufstapelnden Schicht aus und hing nur noch äußerlich wie eine grinsende Maske über einem bereits lange verwesenden Leichnam. Die ganze zweite Hälfte von Ludwig Lewisohns Buche ist dem Protest dieses Kämpfers gegen diese Gesellschaft gewidmet. Dieser Protest ist der Protest eines Juden. Das anzuerkennen, seinen jüdischen Ursprung zu bejahen, nicht nur ihn als unveränderlich hinzunehmen, sondern ihn zu durchdringen und ins Licht des Bewußtseins zu heben, bedeutet nicht, wogegen sich Ludwig Lewisohn so ängstlich verwahrt, ein Feind der anglo-sächsischen Rasse zu sein. Es kann bedeuten, ihr bewußt aus einem geistigen Bereiche, aus dem gerade sie schon manche Anregungen empfangen hat, neue Impulse zuzuführen — und dabei zu wissen, daß dieser geistige Bereich im Exil ist. Ludwig Lewisohn ist dann Professor der deutschen Literatur an einer kleinen amerikanischen Universität des Westens geworden. Nach Amerikas Eingreifen in den Krieg verließ er, der an den Völkerhaß und dem Kriegsrausch keinen Anteil zu nehmen vermochte, das Lehramt und wurde Mitarbeiter der radikal - pazifistischen „Nation". Der ganze zweite Teil seines Buches ist der Auseinandersetzung mit dem konventionellen Amerika gewidmet, das sich uns in seiner ganzen Barbarei enthüllt. Der Liberalismus *nuß dort noch um Stellungen kämpfen, die ihm in Europa schon seit hundertfünfzig Jahren zugefallen sind, europäische Selbstverständlichkeiten gelten dort als kühne Wahrheiten im Reiche des Geistes. „Was für eine Plattheit" sagt der Autor einmal, „nur, unglücklicherweise, ist es keine Plattheit in Amerika— es ist ketzerischer Unsinn." Dem Europäer, der ebenso wie Ludwig Lewisohns Vater zur Zeit seiner Einwanderung, Amerika durch ein e rosenroteBrille anzuschauenpf legte, bis ihm die Vorgänge während der Kriegsstimmung in Amerika, die an Niedrigkeit der Gesinnung alles weit übertrafen, was in Frankreich, Deutschland oder Rußland vor sich ging, und Wilsons unbewußte Unehrlichkeit und verlogene Schwäche nachdenklich machten, mag Ludwig Lewisohn Amerika in einer neuen Beleuchtung zeigen. Der Amerikaner hat nur eine Freiheit, die des wirtschaftlichen Wettbewerbes und einen Traum, zu dessen Verwirklichung es freilich nur eine verschwindende Hoffnung gibt: in diesem wirtschaftlichen Wettbewerb selbst Millionär zu werden wie schon einzelne arme Teufel vor ihm. „Auch hat er Stimmrecht. Er kann zwischen zwei Kandidaten wählen, die ihm beide im wesentlichen durch die gleichen Herren angeboten sind. Auch hat er die Freiheit, in der baptistischen oder der methodistischen Kirche zu beten. Aber laßt ihn nur denken und sich aus der dumpfen Masse emporheben und aufhören, die Idole des Stamms und des Marktplatzes anzubeten. Wenn er spricht, wird er geknebelt, wenn er handelt, eingekerkert werden. Doch nur für diesen erwachten und bewußten Menschen hat Freiheit einen Sinn. Wenn das persönliche Bewußtsein aus dem bloßen Massenbewußtsein auftaucht, wird die Freiheit geboren. Eine Gesellschaft, in welcher die Meinung der Mehrheit und das öffentliche Recht noch nicht zur Duldung freier Persönlichkeiten sich durchgerungen haben, ist eine Gesellschaft ohne Freiheit und ohne Hoffnung von innen aus. Sie mag Maschinen bauen und Reichtümer aufhäufen. Sie stagniert wie ein verwesender Pfuhl." Die Kriegspsychose erreichte gerade in Amerika, das. weder alte Feindschaft gegen Deutschland noch irgendwelche direkte Beziehung zum Kriege hatte, eine in den europäischen Ländern unbekannte Höhe. Lewisohn erklärt dies durch die bei den Amerikanern infolge ihres konventionellen Lebens zurückgedrängten und nun sich Bahn brechenden natürlichen Gefühle. Die herrschende Schicht in Amerika, reich, unersättlich und hart, sind Männer „mit der Intelligenz von Pygmäen, den moralischen Vorurteilen von Dörflern, dem Geschmack von Schenkstuben. Sie beeinflussen die Gesetzgebung und besitzen die Presse'V Und diese Männer sprechen: „Sei wie ich,