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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 120

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Gegen den Strom
Date
1923-01-01
Page
120 (sequence 5)
Language
German
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120 Bemerkungen: Gegen den Strom denke und fühle wie ich, oder ich will Dich vertreiben, verbrennen, hängen." Ludwig Lewisohn, der Jude, leidet unter ihnen. „Und ich, der ich meinen eigenen schmalen und staubigen Weg ging, war der ewig Ausgeschlossene, der Rebell, der Andersdenkende — schuldig vor der Herde, schuldlos vor der Ewigkeit, der Zerstörer von Tabu, Schöpfer neuer Werte, zur Niederlage verurteilt an diesem Tage, in diesem kleinen schmutzigen Winkel des Weltalls, unbesiegbar und unzerstörbar als ein Typus." Dies ist das Ewige in Ludwig Lewisohn, das hier spricht. Aber das Zeitliche in ihm sagt: „Wie viele Immigranten können assimiliert werden an die anglo-amerikanische Kultur? Einer, vielleicht Einer in jeder Million. Ich bin dieser Eine in einer Million. Welcher Anglo-Amerikaner hat inniger mit den - Dichtern zusammengelebt, die der Quell seiner großen Tradition sind? Welcher Anglo-Amerikaner hat ein tieferes Verständnis für die Ordnung und die Beredsamkeit und die Schönheit seiner eigenen Sprache als ich? Aber wenn ich in früheren Tagen versucht habe, meinen Amerikanismus in diesem hohen und feinen Sinne in die Tat umzusetzen, wurde mir gesagt, daß ich nicht erwünscht sei. . Für ihn mag die Assimilation eine innere Bereicherung und Verfeinerung bedeutet haben, seinen Eintritt in die unendlich große geistige Welt der englischen Tradition. Wie viel Erniedrigendes aber diese Assimilation für die meisten anderen, für die neunhundertneunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig unter der Million bedeutet, hat er klar begriffen: „Ich kannte einen alten Juden aus Südrußland. Er trug einen langen Bart und man konnte noch sehen, wo seine Ohrenlocken gewesen waren. Er hatte die Gewohnheit, seine Hände,in seinen Ärmeln zu verbergen. Er las die Thorah und die Legenden seines Volkes" in der heiligen Sprache. Er las Hamlet und Faust in jiddischeriÜbersetzungen. Er las nicht nur die politischen Neuigkeiten, sondern auch die gut geleiteten literarischen Spalten in den jiddischen Zeitungen und gab seine 'Stimme nach reiflicher Überlegung ab. l£r saß in seinem Cafe in der zweiten Avenue und diskutierte über viele bemerkenswerte Fragen und trank Tee und manchmal einen Fingerhut voll Brandy und rauchte russische Zigaretten. Er war ein Weiser und wohl» tätiger Mann und starb arm. Sein Sohn ist amerikanisiert. Er kann weder hebräisch noch jüdisch. Sein Englisch klingt weniger fremd als das seines Vaters, aber viel vulgärer und verderbter. Auf seinem glattrasierten Antlitz mischen sich in unbeschreiblicher Weise Unverschämtheit und List, Kriecherei und Schneidigkeit. Er ist Manager der Lake City Emporium, verdient viel Geld und glaubt, daß der alte Mann etwas schwach in seinem Kopfe war. Er sagt: ,Ja, ich bin ein ganz; richtiger Amerikaner. Dieses Land ist gut genug für mich.' Er liebt es, baseball zu spielen und schlummert manchmal über der Saturday Evening Post ein." Ludwig Lewisohns Lebensbeschreibung liest sich wie ein Kunstwerk. Sie ist von Interesse für den Europäer: denn er erfährt hier etwas von dem wahren Wesen Amerikas, nicht nur aus der internationalen Atmosphäre New Yorks, sondern aus den kleinen, sonnigen Städten der Südstaaten und den aufstrebenden Industriezentren des jungen Westens. Sie ist von Interesse für den Juden, und zwar von einem schmerzlichen Interesse. Er sieht, welch weiten Weg die amerikanischen Juden noch zu gehen haben. Das Erwachen jüdischen Bewußtseins in Ludwig Lewisohn ist nur ein Beginn, ein gar geringer Beginn: Abwehr der Abwehr einer Gesellschaft, in die er eindringen will. Es ist noch allen jüdischen Inhalten völlig fremd. Es weiß von sich selbst nichts; es wird als ein Übel empfunden, als ein Hindernis. Aber es ist da, und es kann und es wird in Berührung mit der jüdischen Vergangenheit, in Berührung mit der neuen jüdischen Gegenwart zu weiteren Stufen führen. Und sie ist-schließlich von Interesse für den Menschen: er begegnet hier einem jener ehrlich denkenden und bewußt lebenden Menschen, der der freien Brüderschaft' des Geistes angehört, die dem Wesentlichen ins Auge blickt und über alle Länder und Völker verstreut ist. „Das Beste, was wir erreichen können, ist eine innere Freiheit, moralische und intellektuelle Freiheit, die Kraft, über dem Staate zu stehen, Auge in Auge mit den wesentlichen Dingen." Und dieser Mut zum Wesentlichen im allgemein-Menschlichen wird Ludwig Lewisohn auch im Jüdischen weiter führen. Hans Kohn

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