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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Gegen den Strom
Date
1923-01-01
Page
118 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen : Gegen den Strom könnten." Er unterschied sich auch von seinen Kollegen durch eine seltene Beherrschung der englischen Literatur. Die Werke , aller Jahrhunderte waren ihm wohl ver- ' traut. Wie Silbermann, der Sohn eines polnischen Juden, der nach Paris zugewandert ist, in der gleichnamigen französischen Novelle des christlichen Autors De Lacratelle, mit einer unheimlichen und verblüffenden Intensität eine seine Kollegen unvergleichlich überragende Kenntnis der französischen Literatur sich erwirbt, so ist es auch der Fall bei diesem eingewanderten amerikanischen Knaben. Ob Wirklichkeit oder Novelle, ob England oder Frankreich, das verblüffende Talent des jüdischen Literaten für Einfühlung und Durchdringung fremder Sprachen und Kulturen ist überall gleich. Aber des Jünglings Begeisterung war nicht nur auf Sprache und Kultur beschränkt; er war ein Panengländer vom reinsten Typus, und die Verteidigung der Buren erschien ihm nicht als ein Hindernis gegenräuberische Gelüste, sondern gegen die Ausbreitung eines vom Himmel gesandten Lichtes. Er war bei seinen Kameraden beliebt, aber von jedem sozialen Verkehr mit ihren Familien ausgeschlossen. Kleine Nadelstiche schmerzten ihn tief, aber er blieb überzeugt, daß dies nur Ausnahmefälle seien, von lokaler Bedeutung und unamerikanisch. Sein Ideal war, Professor der englischen Literatur an einer amerikanischen Hochschule zu werden. Erst als er nach glänzend abgeschlossenen Studien sich um eine Lehrstelle an einer Universität bewarb, kam ihm die Entscheidung, daß für einen Juden kein Lehrstuhl der englischen Literatur frei sei, wie ein Schlag. Er blickt in einen Spiegel und er sieht sein dunkles Haar, seine melancholischen Augen, seine unverkennbar semitische Nase. „Ein Ausgestoßener ... ein Satz fiel mir ein, den ich seither nicht vergesse und immer wieder beriützt habe. So lange es eine Unterscheidung gibt, so lange sind wir im Exil. Und zum erstenmal in meinem Leben wandte sich mein Herz mit Kummer und Gewissensbissen zu'dem Gedanken an meine Brüder im Exil in der ganzen Welt." Dies ist eine alltägliche Geschichte. Schon vor hundert Jahren in den Tagen Heinrich Heines und seines Freundes Dr. Gans war sie eine Selbstverständlichkeit. Daß sich dies in den hundert Jahren seither nicht zum besseren geändert hat, gehörte zu den primitivsten Bestandteilen der ersten zionistischen Argumentation. Uns erscheint es kaum mehr wahrscheinlich, daß eine derartige Erfahrung einen so tief aufwühlenden Eindruck auf einen jungen Menschen machen könne. Die besondere Art der Erziehung, das gläubige Vertrauen auf eine nichtssagende Phraseologie machten es bei Ludwig Lewisohn verständlich. Der ganze Plan seines bisherigen Lebens, sich völlig der Forschung der englischen Sprache und Literatur hinzugeben, war zerschlagen. „Meine reinste Energie und Leidenschaft, meine besten menschlichen Bestrebungen waren seit meinen frühesten Jahren einem bestimmten Ziele gewidmet. Es war weit mehr als eine wirtschaftliche Frage, obwohl es auch das war. Ich wußte nicht mehr, wie ich weiterhin ein vernünftiges und harmonisches inneres Leben führen könne. Ich konnte mich nicht in den Geist und die Traditionen meines eigenen Volkes flüchten. Ich wußte wenig von ihnen. Mein seelisches Leben war durch und durch arisch. Langsam habe ich im Laufe der Jahre Züge in mir entdeckt, die ich manchmal jüdisch nenne. Aber diese Erklärung ist schweren Zweifeln unterworfen. In Wahrheit kann ich keinen Unterschied zwischen meinem eigenen inneren Leben und dem meiner nächsten Freunde, seien es Amerikaner oder Deutsche, finden." Ludwig Lewisohn kennt die Traditionen seines Volkes nicht, er hat die Bibel kaum gelesen, geschweige denn das spätere Schrifttum, und mit dem neuen jüdischen Leben seiner Zeit verbindet ihn keine Brücke. Wie kann er etwas in sich als jüdisch feststellen? Es fehlt ihm jedes Kriterium dazu. Sein ganzes Buch aber ist in all dem, was stofflich mit dem Judentum nicht das geringste zu tun hat, der Protest eines Juden gegen die anglo-amerikanische Tradition. Auch diese Tradition war in ihrer primitiven, wahrhaft demokratischen Zeit vom Geiste des Alten Testaments beeinflußt. Die Lehre der Gleichheit und Brüderlichkeit, die der Erklärung der Menschenrechte seitens der französischen Revolution zugrunde lag, hat ihren Ursprung in der Lehre der independistischen protestantischen Sekten, die den alttestamentarischen Bundesgedanken als

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