Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Gegen den Strom
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 117 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101204-3108908--6793-3108978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen: Gegen den Strom 117 primitives Dorf, aber die geradlinige Ehrlichkeit und die demokratische Freundlichkeit vergangener Jahrzehnte der amerikanischen Republik waren dort noch lebendig. „Dies bewies auch die Lage der Juden in dem Dorfe. Es waren gegen zehn Familien dort, alles Einwanderer aus jüngster Zeit und daher Fremde in Sprache, Rasse und Glauben. Den meisten von ihnen ging es gut. Aber die Beziehungen zwischen ihnen und diesen südstaatlichen Dörflern waren herzlich und angenehm und durch gegenseitige Liebenswürdigkeit und Toleranz befestigt. Nur ein Jude, und das war mein Vater, wurde von den strengeren unter seinen christlichen Nachbarn mit einem gewissen Verdacht betrachtet. Der Grund war eigentümlich und bezeichnend; er übte nicht die äußeren Riten des jüdischen Glaubens." Aber die Juden im Dorfe waren meist ungebildet. „Kulturell fühlten wir uns den besseren der Amerikaner im Dorfe näher, und so begann bereits in diesen frühen Tagen jene Entfremdung von meiner eigenen Rasse, welche für mich die Quelle von manchem Guten, aber von noch mehr Bösem gewesen ist." Der Knabe besuchte die Schule der methodistischen Kirche, die deutsche Sprache wurde immer mehr zurückgedrängt, das Englische sein natürliches Element und mit dem Englischen auch das ganze System moralischer und sozialer Konventionen, die dem Leben eines Durchschnittsamerikaners, insbesondere in den Südstaaten, zugrunde liegen. Diese Assimilation war vollständig unbewußt, ohne jedes Zutun von seiner Seite. „ Als ich zehn Jahre alt war, war meine gefühlsmäßige Assimilation an die soziale Gruppe, deren physisches Glied ich war, vollständig. Ich glaubte an das Blut des Lammes." Als seine Eltern zwei Jahre später in die nächste größere Stadt übersiedeln, wähnte er sich in Religion und Sitte von seinen Mitbürgern nicht mehr unterschieden. Es war eine kleine Hafenstadt, Wo die Nachkommen der alten protestantischen-, sklavenhaltenden, südstaatlichen Aristokratie den Ton angaben. Wer von Neuankömmlingen zu Reichtum gelangte, suchte mit allen Mitteln in diese kleine herrschende Schicht einzudringen. Ihr Horizont war von unbeschreiblicher Enge. Alles Fremde war verhaßt und jede Begrünung eines sympathischen Versteheris hätte als unanständig gegolten. Den verarmten deutschen Juden war jeder soziale Anschluß unmöglich. Des Knaben Eltern suchten ihren Anschluß nicht an die halb* orthodoxen Juden, die es auch in dieser Stadt gab, sondern an die kultivierten Anglo- Amerikaner. Glaubten sie doch an den herrschenden demokratischen Geist. Das Ergebnis war ein vollständig einsames Leben durch lange Jahre, mit einem tragischen Ende in Verbitterung. Sie waren Opfer eines verfehlten Assimilationsversuches. „Sie hatten die Verheißung amerikanischen Lebens ernst genommen. Ihr Schicksal wäre auch in einer größeren Stadt nicht anders gewesen. Zweifellos wäre es glücklicher gewesen, denn sie hätten mit gebildeten Deutschen und Juden verkehren können. Aber das rührt nicht an das Problem. Es war in Queenshaven (so hieß die Stadt), daß das anglo-amerikanische Ideal der Assimilation, das sie erstrebten, geprüft und geurteilt werden konnte." Der Knabe ging dort zur Schule. Jeden Sonntag besuchte er die Messe. Seine größte Leidenschaft war der christliche Gottesdienst. Was ihn angezogen haben mag, war mehr als bloß kindliche Religiosität. Wie bei so vielen entwurzelten Juden, war seine katholizisierende Sehnsucht eine Flucht in eine ihm versagte süße Sicherheit. „Denn ich hatte ein undeutliches, aber tiefes Gefühl von Heimlosigkeit im Weltall, von unserer schrecklichen Hilflosigkeit davor. Ich hatte manches an Unglück, Unbeständigkeit und Wechsel gesehen und meine Seele verlangte nach einem bleibenden Punkte in den Stürmen des Lebens; nach einer Kraft, in der kein Wandel ist." In der Schule machte er sich schnell alle Konventionen des Durchschnittsamerikaners zu eigen. Nur der sinnlose sportliche Wettbewerb blieb ihm fremd. „Mit fünfzehn Jahren war ich ein Amerikaner, ein Südstaatler und ein Christ. Es war zu jener Zeit, daß ich in meinen Gedanken und Gefühlen zu einer deutlichen und unfreiwilligen Feindschaft gegen alles gelangte, was entweder jüdisch oder deutsch war. Ich schien eine Ahnung zu haben, daß diese Elemente in meinem Leben und Schicksal sich zwischen mich und das einzige Ding in der Welt, das mir am meisten am Herzen lag, nämlich die Dichtkunst in englischer Sprache, stellen