Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Gegen den Strom
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 116 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN GEGEN DEN STROM Ludwig Lewisohn ist Mitherausgeber von Amerikas vornehmster radikaler Wochenschrift „The Nation". Ich habe dort vor Jahren fünf Übersetzungen von Rainer Maria Rilkes Gedichten von ihm gelesen; es waren darunter manche, die ich sehr liebe, und sie lasen sich englisch fast so gut wie deutsch. Ludwig Lewisohn ist Dichter, Novellist und Kritiker. Er war Professor für deutsche Literatur an einer amerikanischen Hochschule. Er ist einer der besten Kenner der englischen, deutschen und französischen Literatur. Er gehört zu jenem kleinen Kreise Intellektueller im europäischen Sinne, die von New York aus, das seinen internationalen Anstrich nicht verleugnet, einen Einfluß auf jenen stagnierenden Sumpf amerikanischer Barbarei auszuüben versuchen, die uns in Sinclair Lewis „Mainstreet" und „Babbitt" entgegentritt. Unter diesen Intellektuellen spielen Männer jüdischer Abstammung eine führende Rolle. In ihrer ganzen Denkungsart sind sie der jüdischen Intelligenz Mittel- und Osteuropas näher als die jüdische Intelligenz Englands oder Frankreichs. Sie stammen selbst aus Rußland oder Deutschland. Der zionistischen Bewegung stehen sie völlig fremd gegenüber. Dieselbe Bewegung, die es in Europa, selbst in Frankreich und England verstanden hat, weite Kreise der jüdischen Intelligenz in den Bann ihrer Ideologie zu ziehen, hat in Amerika darin völlig versagt. Zionistisch ist in Amerika fast ausschließlich ein Teil des kleinen Bürgertums, und dies auch meist nur in der ersten Generation. In Amerika findet der jüdische Intellektuelle, falls er aus Rußland stammt, in dem ungeheuren New-Yorker Ghetto, wo es auch tatsächlich Volk und Arbeiterbewegung gibt, ein ausreichendes Wirkungsfeld, in der zweiten Generation aber, oder, falls er aus Deutschland stammt, sofort, geht er in dem anglo-amerikanischen Geistesleben auf. Da man in Amerika gern an den alten Schlagworten der Gleichberechtigung festhält (obwohl sie in keinem Lande so verlogen sind wie dort), vermeiden sie ängstlich jede Besinnung auf ihr Judentum. Es ist selten, daß einer davon spricht. Darum (und nicht nur wegen seiner großen künstlerischen Qualitäten) verdient das Buch von Ludwig Lewisohn „Up Stream" Beachtung auch außerhalb Amerikas. Der Verfasser nennt sein Buch eine amerikanische Chronik. Es ist auch im Grunde viel mehr eine amerikanische Chronik als eine jüdische Geschichte. Das Judentum begleitet diese ganze Erzählung nur als eine meist kaum dem Helden bewußte, nie ihm bestimmt deutbare Grundmelodie. Dennoch ist es eine jüdische Begebenheit. Die Lebensgeschichte eines deutschen Juden, der in früher Jugend nach Amerika kommt und der nach bitteren Kämpfen und Enttäuschungen erkennt, daß ihm die Assimilation, die er schon vollendet wähnte, nicht gelungen ist, daß er ein Ausgeschlossener, ein Fremder bleibt, den eine innere Kraft, die er nicht als jüdisch zu deuten oder anzusprechen wagt, gegen den Strom des amerikanischen Lebens treibt. Diese Geschichte mag alltäglich sein, aber sie ist an einem Falle erzählt, der in hervorragender Weise überall bis ins Extrem geht, von einem Manne, der tief bewußt lebt, und von einem Künstler, der die Ereignisse des Alltags in die verklärende Höhe reinen Menschentums zu heben weiß. Dies macht aus der so alltäglichen Geschichte einetypengeschichtlich bedeutsame Tatsache, die in der Darstellung des jüdischen Lebens in der Periode der Assimilation und insbesondere inj enem Schmelztiegel, der so viele verschiedenartige Rassen in sich aufgenommen hat, ein bleibendes Dokument bildet. „Gegen den Strom" ist eine Selbstbiographie. Ludwig Lewisohn ist in Berlin geboren. Sohn wohlhabender jüdischer Eltern. Der mütterliche Großvater war ein aufgeklärter Rabbiner in Ostpreußen. Die Eltern waren kultivierte und belesene Menschen, hatten aber keine innere Beziehung mehr zum Judentum. Als der Knabe acht Jahre alt war, veranlaßte geschäftlicher Ruin seine Eltern zur Auswanderung nachAmerika. Es war von Bedeutung für seine zukünftige Entwicklung, daß ihr Weg sie nicht nach New York führte, sondern in ein kleines Dorf in Süd-Karolina. Es war ein elendes,