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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 111

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Der Sozialismus des alten Judentums
Date
1923-01-01
Page
111 (sequence 23)
Language
German
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Der Sozialismus des alten Judentums in Sprung, die Knechtschaft in Mizrajim und die Befreiung vom Joche des Pharao. Sie wird von der Verantwortung für die drückende Not getrieben, in der sich die meisten Menschen lebenslänglich befinden. Der Gedanke der allgemeinen Solidarität aller hat das jüdische Altertum beherrscht und ist zu manchen Zeiten und bei manchen besonderen Gruppen mit großer, gesteigerter Entschiedenheit ausgebildet worden. Nicht Sozialisten, sondern Kommunisten waren, soweit uns die Schilderungen bei den Alten ein Urteil erlauben, die E s s ä e r. Sie verachteten den Reichtum, und wunderbar sei bei ihnen die Gemeinschaft der Güter, berichtet Josephus (Jüd. Krieg II, 8, 3). Aber später, im Mittelalter, war für eine selbständige jüdische Gesetzgebung kein Raum mehr. Die Juden waren auch in dieser Epoche nicht Proletarier, sondern Bürger, oft hart bedrängt, oft in bitterer Armut, aber dennoch Bürger. Sie hatten nicht oft Grund und Boden, Felder und Wälder, und für das Gesetz des Jobeljahres, das ja von vornherein nur für die Grundstücke in Palästina galt, hätte es jetzt keinen Raum mehr gegeben. Aber der Gedanke und die Forderung der Freiheit vor den Menschen blieb in dauernder Kraft, das Sabbathgebot herrschte immer, und instinktiv fühlte jeder Jude, daß es der Kern des lebendigen Judentums sei. Auch das Thorahstudium wurde immer gepflegt, und vor dem Gewichte, das das Wissen einer Persönlichkeit gab, traten Einfluß und Ansehen, die der Reichtum verlieh, zurück. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts führten die Juden in Europa wirtschaftlich und gesellschaftlich ein Sonderdasein. Dann aber traten sie in den Kreis des europäischen Lebens ein und wurden von seinem Wirbel ergriffen. Neue Beziehungen bildeten sich zwischen jüdischen Männern und Massen und dem Sozialismus. Unter den jüdischen Proletariern des Ostens erwuchs ein jüdischer Sozialismus mit eigenen jüdischen Bünden und Organisationen, und überall traten jüdische Männer führend und folgend in die sozialistische Bewegung ein. Die Untersuchung dieser Entwicklung gehört nicht mehr in den Rahmen dieser Betrachtung. Aber gewiß lebt Geist des alten Judentums auch in diesen Erscheinungen weiter. Die Triorah ist mehr als nur ein Gesetzbuch für ihre Zeit, sie ist ein Programm für die noch ungeborene Zukunft, ein Aufruf zur Vorbereitung des Gottesreiches am Ende der Tage, in dem das göttliche Gebot verwirklicht ist >,es soll unter dir kein Armer sein" (V. B. M. 15, 4). Sie hat als messianische Verkündigung immer Israel und die Welt aufgerüttelt. Als sich im Jahre 1525 die schwäbischen Bauern zu dem mächtigen Bauernkrieg erhoben, stellten sie an die Spitze ihrer zwölf Artikel die Forderung, daß die keilige Schrift auch auf dem Gebiete des bürgerlichen Lebens als Maßstab an alles Bestehende gelegt werden müßte. Und nach dem Urteil der Geschichte lag die Gefährlichkeit ihres Programms nicht so sehr in seinen Forderungen, als in seiner religiösen Begründung. (Brieger , Die Reformation, in Ullsteins Weltgeschichte, Bd. IV, S. 306.) Ein Strahl vom Lichte des Judentums leuchtete aber auch in den

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