Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 110 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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IZO Max Eschelbacher: immer allen offen und wurde gerade für die Ärmsten mit dem Aufgebot aller Kraft freigehalten. Als die Thorah das Studium zu einer der höchsten religiösen Pflichten erhob, leitete sie noch eine andere folgenreiche und bedeutende Wirkung ein. Sie schuf eine neue Rangordnung der sozialen Werte und prägte eine Würde höchster Ordnung, die jeden Armen schmücken konnte. Angesehen ist überall der reiche Mann. Eine moderne Rechtsphilosophie, die Hermann Cohen einmal zitiert (Ethik des reinen Willens, S. 579) meint kurz und bündig, zum Sein gehöre das Haben. Daher gilt in der modernen Gesellschaft das böse Wort, zu dem Heine den Spruch des Evangeliums ausbaut: ,,Hast du viel, so wirst du bald noch viel mehr dazubekommen. Hast du wenig, wird dir bald auch das Wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast, dann, o Lürrip, laß dich begraben, denn ein Recht zum Leben, Lump, haben nur, die etwas haben." Diese Wertung ist aber der jüdischen und vom Geiste der Thorah belebten Welt fremd. Hier sind Reichtum und Armut niemals der einzige Maßstab für die Wertung eines Menschen gewesen, sondern es gab immer noch eine andere Würde, die ihm seinen Rang anwies. Geehrt war vor allem der Gelehrte. In unseren europäischen Verhältnissen ist die Wissenschaft einer verhältnismäßig kleinen Minderheit vorbehalten. In der amtlich anerkannten Form kann sie nur auf der Universität erworben werden, sie setzt eine Schulzeit von mindestens anderthalb Jahrzehnten voraus, muß durch amtliche Examina und Approbationen nachgewiesen werden und ist dadurch der Gesamtheit nicht zugänglich. Im Judentum dagegen war immer und ist auch heute noch da, wo es ungebrochen ist, diese Lehre und Wissenschaft Sache des ganzen Volkes, jedem zugänglich und jedem Ehre verleihend. Diese Tatsache ist so bekannt, sie tritt bei jedem Blick auf jüdisches Leben und jüdische Geschichte so sehr zutage, daß wir davon absehen können, Belege dafür zu erbringen. Durch das Thorahstudium, seine Einführung und Ehrung hat das Judentum in der furchtbaren Not und Armut, in der Enge und Dürftigkeit, mit der ein großer Teil seiner Angehörigen immer zu ringen hatte, seinen Kindern die Versöhnung gebracht. Die Armut blieb ein unausrottbares Unglück, aber die Persönlichkeit brauchte dadurch nicht berührt, ihre soziale Geltung nicht notwendig betroffen, ihre Lebensfreude nicht beeinträchtigt zu werden. Wo auch der arme Mann durch das Wissen, das er sich erwerben konnte, zum höchsten Ansehen aufsteigen konnte, war der Armut ihr schlimmster Stachel genommen. Proletariat im ökonomischen Sinne war im Judentum immer weit verbreitet, aber Proletariat im sittlichen und im geistigen Sinne war hier unbekannt, und nirgends finden wir hier im Laufe der Geschichte jenes ,,Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft", dessen furchtbare Erscheinung aus den Blättern des kommunistischen Manifests aufsteigt. Die alte jüdische Gesetzgebung hält ihren Blick auf die große arbeitende Masse des Volkes gerichtet und verleugnet an keinem Punkte ihren Ur-