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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 109

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Der Sozialismus des alten Judentums
Date
1923-01-01
Page
109 (sequence 21)
Language
German
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Der Sozialismus des alten Judentums 109 aber heißen Bildung und Vermögen, und beide sind erblich". Bei den Besitzenden, meint er, bestehe das dringende Interesse, den Enterbten machtlos zu halten, die Machtmittel der Bildung ihm zu verschließen. (S. 110.) Der Aufstieg der unteren Schichten werde durch Vorenthaltung der Bildung und des Vermögens so vollkommen verhindert, daß nur wenige Freie in ihrem Kreise einen Menschen erblickten, der selbst oder dessen Vater den untersten Kreisen angehört habe. (S. 71.) Geprüft an den allgemeinen Verhältnissen erscheint uns diese Anklage als sehr übertrieben. Sicherlich aber hat sie, soweit es sich um die Vorenthaltung der Bildung handelt, niemals für das Judentum gegolten. Die soziale Geschichte des Judentums und der Juden in ihrem ganzen Verlaufe und in jeder einzelnen Epoche ist ein einziger großer Protest dagegen. Erblich nennt Rathenau die Bildung. Der Thalmud fällt auf Grund der Verhältnisse in der jüdischen Gesellschaft seiner Epoche ein anderes Urteil. Er stellt die merkwürdige Tatsache fest, die wir zu seiner Zeit von vornherein nicht erwarten würden, daß der Sohn eines Thalmid Chacham, eines Gelehrten, wieder selbst ein Thalmid Chacham sei, und meint, dies sei deshalb so gefügt, damit man nicht meine, die Thor ah sei erblich. (Ned. 81 a.) Alle die von den sozialistischen Schriftstellern so stark hervorgehobenen Interessen der Macht und des Besitzes wurden im Judentum stets durch den großen religiösen Grundsatz von der allgemeinen Pflicht zum Thorah - studium niedergehalten. ,,Achtet auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thorah aus", mahnt darum der Thalmud. (ebd.) Auf diesem Grundsatz beruht das herrliche alt jüdische Schulwesen und die Wirksamkeit der großen Volkserzieher von der Art des R. Chijja und seiner Genossen. (Keth. 103 b.) Daher ist auch im Judentum schon seit zweitausend Jahren im Grunde jene Forderung durchgeführt, die das Erfurter Programm der sozialdemokratischen Partei vor dreißig Jahren aufstellte: ,,Obligatorischer Besuch der öffentlichen Volksschulen. Unentgeltlichkeit des Unterrichts, der Lehrmittel und der Verpflegung in den öffentlichen Volksschulen sowie in den höheren Bildungsanstalten für diejenigen Schüler, die kraft ihrer Fähigkeiten zu weiterer Ausbildung befähigt erachtet werden." Die Liebe zur Thorah war die treibende Kraft, durch die diese ewige und nie aussetzende Volkserziehung im Gange erhalten wurde. Ein wahrhaftes und lebendiges Judentum würde niemals Jenen Zustand ertragen, dessen Geltung das kommunistische Manifest (S. 21) behauptet: ,,Die Bildung, deren Verlust der Bourgeois bedauert, Jst für die enorme Mehrzahl die Heranziehung zur Maschine." Die Lehrer und Führer des Judentums, wie auch das Volk, das ihnen vertraute, hatten noch eine andere Sorge, als die Heranbildung zu einem Berufe. Sie lehrten und erzogen „damit nicht die Thorah in Israel vergessen werde" (Keth. ebd.) Das religiöse Gebot des Studiums hat daher auch die soziale Welt beherischt. Es hat im Judentum immer yiele Arme gegeben, ünd auch hier war der Tisch niemals für alle gedeckt. Aber der Zugang zu den Höhen der jüdischen Bildung stand

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