Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 108 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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io8 Max Eschelbacher: so gebot Mose im Angesicht des nahenden Todes. (V. B. M. 6,4ff.) Diese Worte sind aus der Mitte der anderen Gesetze und Aussprüche herausgehoben und zu unserem täglichen Gebet erwählt worden. Sie stehen am Anfang des Sch'ma. Für das soziale Leben und namentlich das Schicksal der Armen wurden sie entscheidend. Denn erst durch das pflichtgemäße Thorahstudium ist der Sabbath wirksam geworden, nur dadurch wurde in frühester Zeit die Grundlage zu dem großartigen altjüdischen Schulwerk gelegt, und erst auf dieser Basis konnte sich eine neue, anderen Religionen und Kulturen nicht bekannte Rangordnung für die soziale Bewertung des Menschen aufbauen. Ohne Thorahstudium kein Sabbath! Ohne freie Zeit gibt es keine Freiheit. Aber auch die freie Zeit ist nicht unbedingt ein Segen. Das Volk muß sie auch benutzen können. Als der Achtstundentag eingeführt wurde, war manche Frau wegen der vielen freien Zeit, die ihrem Manne auf einmal beschert worden war, in schweren Sorgen. Sie fürchtete vermehrtes Trinken, Unfrieden im Hause und Schläge. Nicht einmal der Ruhetag ist unter allen Umständen ein Glück. Ein Düsseldorfer Gefängnisarzt hat festgestellt, an welchen Tagen seine 380 Sträflinge die Delikte begangen hatten, die sie ins Gefängnis gebracht hatten. 43 % aller Straftaten waren an einem Sonntag begangen worden! Ein Wormser Kreisarzt hat vier Jahre lang die Requisitionszettel gesammelt, durch die er vom Kreisamt zur 'amtlichen Untersuchung aufgefordert worden war, 35,1 % aller Körperverletzungen fielen auf den Sonntagl (G. Aschaffenburg, Das Verbrechen und seine Bekämpfung, Heidelberg 1903, S. 61 ff.) Zu diesem niederdrückenden Ergebnis wirken mancherlei Umstände mit, insbesondere die Wohnungsnot und der Alkohol. Von diesen beiden ist der Alkoholismus unter den Juden nahezu unbekannt, aber unter der Wohnungsnot und anderen Mißständen leiden sie wie andere Völker und Schichten. Trotzdem fehlen Körperverletzungen und andere Delikte vollkommen im Gefolge des Sabbaths. Er bleibt eine Quelle des reinen Segens. Denn er ist-nicht nur der Ruhetag, sondern auch der Tag der Volkserziehung für die Kleinen und für die Großen. Er wird vom Thorahstudium beherrscht, und die Fortsetzung des Gottesdienstes war — leider kann man nicht mehr sagen ist: — der Vortrag im Lehrhaus. Durch Tausende von Jahren hat der Jude seine Freude im Geiste, im Studium der Thorah gefunden. Das „Lernen" hat ihn vor dem Sturz in die Lebensgewohnheiten und in das geistige Elend des Proletariats bewahrt. Es hat ihn auch vor der Hoffnungslosigkeit errettet, dem schwersten Teil der Armut. Denn die Armut vererbt sich, wenn sie von den Quellen des Wissens und der Bildung abgeschnitten wird. ,,Es erheben sich gläserne Mauern von allen Seitenheißt es einmal bei W a 11 h e r Rathenau (Von kommenden Dingen, Ges. Schriften III, S. 70), durchsichtig und unübersteiglich, und jenseits liegen Freiheit, Selbstbestimmung, Wohlstand und Macht, die Schlüssel des verbotenen Landes