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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 104

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Der Sozialismus des alten Judentums
Date
1923-01-01
Page
104 (sequence 16)
Language
German
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IRI
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104 Max Eschelbacher: tum und Armut mit der größten Schärfe gegenüber. Hart neben dem ungeheuren Besitz wohnt selbst in den glücklichen biblischen Tagen das nackte Elend. Wir sehen von allen anderen Belegen ab, die die Bücher der Propheten fast auf jeder Seite bringen, und erinnern nur an die eine Anklage des Propheten Jesajah: „Weh denen, die Haus an Haus reihen nud Feld an Feld rücken, bis kein Platz mehr ist, als wohntet ihr allein im Lande" (5, 8). Nüchtern und ohne das religiöse Pathos des Propheten stellt ganz ähnlich das Erfurter Programm fest: „Das Privateigentum an Produktionsmitteln, welches ehedem das Mittel war, dem Produzenten das Eigentum an seinem Produkte zu sichern, ist heute zum Mittel geworden, Bauern, Handwerker und Kleinhändler zu expropriieren, und die Nichtarbeiter — Kapitalisten, Großgrundbesitzer — in den Besitz des Produktes der Arbeiter zu setzen." Es fordert demgegenüber „die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln — Grund und Boden, Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel - in gesellschaftliches Eigentum." Als Fundament für die Verwirklichung eines Gottesreiches auf Erden hat die Thorah eine ganz ähnliche Forderung erhoben. Von Gruben und Bergwerken, von Verkehrsmitteln und Maschinen schweigt sie begreiflicherweise. Um so mehr aber trägt sie Fürsorge für die Regelung des Eigentums an dem wichtigsten Produktionsmittel, an Grund und Boden. Denn sie stellt ein Programm auf, das im Gegensatz zu der heutigen geschichtlichen Wirklichkeit steht. Möglicherweise hat es sich niemals völlig durchsetzen lassen. Dennoch hat es immer als ein Sporn gewirkt, ähnlich jenem anderen früher erwähnten Gedanken, daß die Kinder Israel Gottes Knechte seien und nicht Knechte von Menschen sein dürfen. Denn Mose erklärt den Grund und Boden als das Eigentum Gottes und beschränkt die private Verfügungsgewalt über dieses kostbarste Gut einer Nation durch die Institution des Jobel jahres und durch das Wiederkaufsrecht, das dem Verkäufer verbleibt. Die Gesetze, die er verkündet, fließen aus einer religiösen Idee, aus der Erkenntnis von der Ewigkeit Gottes und der Flüchtigkeit des Menschen, und diese Quelle unterscheidet sie von Grund auf und dem Geiste nach von rein ökonomischen Einrichtungen ähnlicher Art, wie sie der Sozialismus aus wirtschaftlichen Erwägungen fordert. „Das Land darf nicht für immer verkauft werden, denn mein ist die ganze Erde, denn Fremdlinge und Beisassen seid ihr bei mir" heißt es im Levitikus (25, 23). Die Erde ist die Bühne, auf der die rasch wechselnden Geschlechter hinziehen. Auch die Völker haben keinen ewigen Bestand in ihrem Lande, wie gerade die Schicksale von Erez Israel unsere Väter lehrten. Darum ist „Mein die ganze Erde". Daraus erwächst die große Folgerung: „Das Land darf nicht für immer verkauft werden." Im Grunde darf es auch der biblischen Gesetzgebung überhaupt nicht verkauft werden. Das heilige Land war durch Eroberung in den Besitz der israelitischen Stämme gekommen. Beim Einzug war es unter diese und von ihnen unter

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