Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 103 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sozialismus des alten Judentums lös Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen kann, hur würde es noch mehr als das moderne Gesetzbuch die Einschränkung betonen: „soweit nicht das Gesetz oder die Rechte Dritter entgegenstehen". Das Eigentum ist viel umstritten. Es wird von den einen als das Fundament aller Kultur verherrlicht, unl! es wird umgekehrt von anderen als nackter Diebstahl verdammt. Man hat es schon als die notwendige Folge einer ursprünglichen Okkupation begründet, und man hat es damit gerechtfertigt, daß es Frucht und Lohn der Arbeit sei. In beiden Theorien hat die biblische Erzählung von Adam eine große Rolle gespielt. „Seid fruchtbar und mehret euch, füllet die Erde und machet sie euch Untertan!" spricht Gott zu Adam. (I. B. M. i, 28.) Somit hatte dieser das Recht erlangt, sich alles zu unterwerfen, und was er sich dabei genommen hatte, war sein rechtmäßiges Eigentum. Diese Beweisführung ist in früheren Jahrhunderten viel vertreten worden. Aber Gott spricht auch zu Adam: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!" Der Herr der Erde mußte sich also alles, was er sich aneignen wollte, durch Mühe und sauren Fleiß erst erwerben, und die wahre Rechtfertigung des Eigentums liegt mithin erst in der Arbeit. (I. B. M. 3, 19.) Diese Theorie ist jünger als die erste, sie wird erst seit dem 17. Jahrhundert aufgestellt und tritt zum ersten Male bei John Locke auf. Der große englische Philosoph und Nationalökonom hat die Anregung dazu aus den ersten Blättern der Bibel geschöpft. Von der größten Bedeutung für die sozialen Theorien sei es geworden, vermutet Jellinek (a. a. O., S. 31), daß Locke im Gegensatz zu der Behauptung von der Herrschaft Adams über die Erde als Entstehungsgrund des Eigentums die neue, so folgenschwere Lehre vertrete, daß nicht Okkupation, sondern Arbeit die letzte Quelle alles Eigentums sei. Dabei habe ihm wohl der Gedanke vorgeschwebt, daß die Welt Adam nicht geschenkt worden sei, sondern daß sie ihm im Schweiße des Angesichts und seinen Nachkommen durch stete Arbeit zu eigen gemacht werden mußte. Die Arbeit ist auch die einzige Grundlage des Eigentums, die der Sozialismus anerkennt, und eben deshalb bestreitet er das moderne Eigentum, denn er behauptet, dieses sei nicht durch Arbeit, sondern im Gegenteil durch Ausbeutung des Arbeiters entstanden. Marx bezeichnet es als das Charakteristikum der kapitalistischen Periode, daß der gesellschaftliche Reichtum in stets steigendem Maße das Eigentum derer werde, die in der Lage seien, sich stets aufs Neue die unbezahlte Arbeit anderer anzueignen" (Ebd., S. 522). Und im kommunistischen Manifest hat er diese Anklage, die eines, der Fundamente des Marxismus bildet, aller Welt donnernd ins Gesicht geschleudert: „Die in der bürgerlichen Gesellschaft arbeiten, erwerben nicht, und die in ihr erwerben, arbeiten nicht." (Sechste autorisierte deutsche* Ausgabe S. 20.) Auch vor dem Problem des Eigentums steht im alten Israel die geltende Wirklichkeit in einem schweren Widerspruch mit dem fordernden religiösen Recht. Dem religiösen Gebot zum Trotz treten sich auch dort Reich-