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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Der Sozialismus des alten Judentums
Date
1923-01-01
Page
102 (sequence 14)
Language
German
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102 M a x Eschelbacher: bewegung ist ein Kampf um die Beschränkung der Arbeitszeit. Als nach' dem Zusammenbruch in Deutschland die Revolution zur Herrschaft gelangte, verkündete sie, noch im November 1918, den Achtstundentag. Man hat in den Rabbinen, die die biblischen Vorschriften mit der äußersten Strenge und mit peinlicher Gewissenhaftigkeit fortgebildet haben, Pedanten, in ihren Bestimmungen Schikanen, in dem Gehorsam des Juden, der ihnen folgte, eine Verirrung gesehen. Alle diese weitverbreiteten Urteile sind unbegründet. Wären unsere Lehrer, wäre das ganze Volk, das ihnen gehorchte, weniger streng gewesen, so wäre der Sabbath den mächtigen wirtschaftlichen Interessen, denen er entgegensteht, vielleicht erlegen und wäre zu einer erbaulichen Idee verkümmert. Man lese nur bei Marx nach, wie wenig der Sonntag selbst von den frömmsten englischen Fabrikanten respektiert worden ist! Das orthodoxe Parlament habe kein Ohr für die Sabbathheiligung, wenn sie im ,,Verwertungsprozeß" des Kapitals vorgehe. (Ebd.) Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung fällt ein neues Licht auf die vielverzweigte Sabbathgesetzgebung im Judentum, denn der Sozialismus ist stellenweise den gleichen Weg gegangen, den der Thalmud vor bald zweitausend Jahren eingeschlagen hatte. So haben die Rabbinen nicht etwa einen Ruhetag von vierundzwanzig Stunden gefordert, sondern sie haben einen „Zaun um die Lehre" errichtet und den Sabbath ausgedehnt. Denn er beginnt am Freitagabend noch vor Sonnenuntergang und endet am Samstag nach dem Eintritt der völligen Dunkelheit, dauert also länger als ein astronomischer Tag. Nach der gleichen Richtung aber weisen auch die Forderungen des Sozialismus. Das Erfurter Programm verlangt ,,eine ununterbrochene Ruhepause von mindestens 36 Stunden in jeder Woche für jeden Arbeiter." Viele tausend Jahre vorher hatte sdion die Thorah den Arbeitern die wichtigste Befreiung und Erleichterung gebracht, als sie den Sabbath mit einer ehernen Kraft zum Mittelpunkt der religiösen Lehre wie des religiösen Lebens machte. Der moderne Sozialismus folgt ihren Spuren, und er rechtfertigt, ohne es zu wissen und zu wollen, die mannigfachen Erschwerungen der Halachah, wenn er den sechsunddreißigstündigen Ruhetag fordert als ,,die Grundlage für eine wirksame nationale und internationale Arbeiterschutzgesetzgebung." V. Neben die Gewährleistung für die persönliche Freiheit, neben die Fürsorge für den Rhythmus von Arbeit und Ruhe tritt in der Bibel noch ein weiteres Problem des Rechts. Das Eigentum verlangt seine Regelung. Ein reines Privateigentum an Liegenschaften wird von der Bibel von vornherein nicht anerkannt. Privateigentum an fahrender Habe wird zwar nicht bestritten, wohl aber durch die Anrechte der Armen in mannigfacher Weise eingeschränkt. Auch das biblische Recht vertrüge sich mit dem Grundsatz des BGB. (§ 903), wonach der Eigentümer mit der Sache nach

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