Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 100 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ZOO Max Eschelb ac her: barung seit den Tagen des Weltanfangs bestand. Auch die zehn Gebote behaupten nicht, ihn zu schaffen, sondern verkünden nur, daß er urewig sei, von Gott geschaffen zusammen mit Himmel und Erde. Wie die Lehre des Naturrechts im Gegensatz zu der durch irgend ein Gesetz begründeten geltenden Satzung jenes Recht anrief, ,,das mit uns geboren, ist", so verleiht auch die Torah dem Sabbath eine Würde, wie sie keiner Verordnung, keiner Verfügung und keinem anderen Gebote zukommt. Jene naturrechtliche Lehre hat einen wundervollen dichterischen Ausdruck in Schillers Teil gefunden: ,,Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, wenn unerträglich wird die Last, greift er hinauf getrosten Mutes in den Himmel, und holt herunter seine ewigen Rechte, die droben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst." (Vgl. Jellinek a. a. O., S. 39.) Hier hängen die Urrechte des Menschen droben in den Sternen. Nach der Thorah aber ruht der Sabbath tief eingesenkt in den ewigen Gründen der Erde. Als ,,das Ende des Werkes, im Plane das erste" feiert ihn der Freitagabend Hymnus Lekho Dodi unter glücklicher Verwendung eines Gedankens von Aristoteles. Die Welt ist des Sabbaths wegen geschaffen. Man wird dem Sabbath noch nicht gerecht, wenn man ihn als den wöchentlichen -Ruhetag bezeichnet. Er bedeutet mehr. Er ist unsere Rettung vor den schweren Gefahren der Arbeit. Denn die Arbeit hat ein doppeltes Antlitz. Sie ist Segen für den Menschen, die Rechtfertigung seines Daseins und eine der wenigen wirklichen und dauernden Quellen echter Freude. Jedes Wort hierüber ist überflüssig. Was wären, wir, wenn wir unsere Arbeit nicht hätten! Aber sie trägt einen Januskopf und offenbart noch ganz andere Züge. Sie kann auch ein Fluch werden. Unbedingt seinem Dienst ausgeliefert, wird der Mensch zum Arbeitstier oder zur lebendigen Maschine. Ausschließlich der Arbeit hingegeben, verliert er sich selber und . seine Seele. Unmittelbar neben dem Gebote „sechs Tage sollst Du arbeiten" muß die Entspannung stehen ,,aber der siebente Tag ist ein Ruhetag dem Ewigen, Deinem Gotte". Sechs Tage hindurch mag der Mensch ein beseeltes Werkzeug" sein, wie Aristoteles den Sklaven nannte. Am siebenten ist er Mensch. Die Woche hindurch mag er sich an die Welt verlieren und seine Seele vergessen, am Sabbath findet er sich selbst, findet er Gott. Das hat von Anfang an die Bibel zu seiner Begründung ausgesprochen. Denn sie erklärt feierlich: ,,Zwischen mir und den Kinder nlsrael ist der Sabbath ein Zeichen für ewig. Denn in sechs Tagen hat der Ewige den Himmel und die Erde geschaffen, am siebenten Tage aber ruhete er und kam zu seiner Seele." {II. B. M. 31, 17.) Prachtvoll hat Samson Raphael Hirsch diese Worte in seinem Pentateuchkommentar wiedergegeben. ,,Er zog sich in sein Wesen zurück." Darum hat auch das Judentum von der ,,n'schamah j'thera" gesprochen, der zweiten Seele, die am Werktag schläft und am Sabbath erwacht. Das hat selbst Heinrich Heine empfunden, der rätselhafte Mensch und Dichter, der das Judentum um so tiefer erfaßt hat, je weiter er sich äußerlich von ihm entfernte, wenn er