Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 98 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Max Eschelbacher: Die Not des Krieges und der Niederlage hat auch im alten Israel den Sklaven jene Freiheit gebracht, die eine glücklichere Zeit ihnen versagt hatte. So geschah es wenigstens in den letzten Tagen des jüdischen Staates, während der Belagerung Jerusalems durch die Babylonier, im Jahre 586 v. Chr. Der letzte König von Juda hatte in der höchsten Gefahr, als der Feind vor den Toren stand, mit seinem Volke einen Pakt geschlossen, wonach alle jüdischen Knechte und Mägde freigelassen werden sollten. Der Vertrag wurde zuerst ausgeführt, gleich darauf aber gebrochen, als der Feind unvermutet abzog. Die eben Befreiten wurden gleich wieder von neuem zu Sklaven erklärt. Aber sie fanden ihren Führer und Anwalt. Der gleiche Prophet, der wenige Jahre vorher den Prozeß der Maurer gegen den König geführt hatte, Jeremia, nahm sich ihrer jetzt an, und seine Hauptwaffe ist die Berufung auf das alte, im Augenblick verleugnete, auf die Dauer aber unvergeßliche biblische Recht, auf die Forderung des Sabbathjahres. (Jer. 34, 8 ff.) Als Ideal, als Ziel, als Gebot lebte die Thorah auch da, wo sie gegenüber den Realitäten der Stunde ohnmächtig schien. Mit der Kraft eines unzerstörbaren, ewig mahnenden Gesetzes hat sie träge Menschen und verrostete Verhältnisse bewegt und gesprengt. Daher war sie stärker, als der ganze altjüdische Staat, dessen Verhältnisse sie ursprünglich ordnen sollte. Dieser ist spurlos vergangen gleich anderen Staaten des alten Orients. Geblieben ist dagegen die Thorah und mit ihr das große Gesetz, daß die Kinder Israel Gottes Knechte sind, daß sie nicht sein dürfen Knechte der Menschen. IV- In engster Beziehung zur persönlichen Freiheit steht die Arbeitszeit. Frei ist, wer Zeit für sich selber hat. Wessen Zeit aber ganz einem anderen gehört, ist in Wirklichkeit ein Knecht, mag er auch der Form des Rechtes nach ein freier Mann heißen. Übermäßige Arbeitszeit reibt den Menschen auf. Sie erstickt und lähmt den Drang nach Befreiung und nach Aufstieg. Wer einen unterdrückten Stand in seinem Elend erhalten, in seinem Fortschritte wie im klaren Bewußtsein seiner Lage hemmen will, braucht ihm nur die freie Zeit zu nehmen. Daher war es ein überlegtes und kluges Verfahren, als der Pharao auf das erste Anzeichen einer Gärung unter den hebräischen Arbeitermassen mit einer bedeutenden Verlängerung der Arbeitszeit unter erschwerten Bedingungen antwortete. ,,Faul sind sie, darum schreien sie, sie wollten gehen und ihrem Gotte opfern. Schwer liege die Arbeit auf den Männern, sie sollen damit zu tun haben, und nicht auf die Worte der Lüge schauen." (IL B. M. 5, 8, 9.) Die neue Arbeitsordnung bewährt sich denn auch im Sinne ihres Schöpfers. Die geplagten Juden hatten keine Zeit mehr, an eine Änderung ihres Schicksals zu denken. Sie verwünschten vielmehr ihre Führer Mose und Aron. ,,Es redete Mose zu den Kindern Israel, aber sie hörten nicht auf Mose vor Kürze des Odems und schwerer Arbeit." (II. B. M. 6, 9.)