Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 97 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sozialismus des alten Judentums 97 Neigung Sklave bleiben will, am Türpfosten mit einem Pfriemen das Ohr. (IL B. M. 21, 5). Wir wissen nicht mehr, was dieser Brauch ursprünglich bedeuten mochte, wohl aber kennen wir das Echo, das er in unseren Vätern hervorrief. Jochanan ben Sakkai hat ihn als ein Symbol der Freiheit und als einen Protest gegen die Sklaverei gedeutet. ,,Gott sprach: Das Ohr hat am Sinai gehört ,Mir sind die Kinder Israel Knechte, sie sollen nicht Knechte von Knechten sein/ Dennoch ist dieser Mann hingegangen und hat sich einen Herrn gewählt. Darum soll sein Ohr durchbohrt werden." (Kidd. 22 a). Seitdem wir das Gesetzbuch des Hammurabi kennen, erscheint uns auch dieses Symbol in einem neuen Lichte. Bei Hammurabi stehen die Bestimmungen über die Sklaven am Ende, in der Thorah dagegen am Anfang der ganzen Gesetzgebung. In dieser Anordnung sieht D. H. Müller ,,eine unscheinbare, aber die Weltordnung umstürzende Änderung. Die Letzten sollen die Ersten sein." (A. a. O. S. 204, 213). Unter diesem Gesichtspunkt betrachten wir nochmals die oben angeführte Schlußbestimmung aus dem altbabylonischen Kodex: „Wenn ein Sklave zu seinem Herrn spricht: Du bist nicht mein Herr, so wird ihm sein Herr, sobald man ihn als seinen Sklaven überführt, sein Ohr abschneiden." Im Vergleich dazu erscheint nunmehr das Gesetz im Exodus als ein ausgesprochener und bewußter Widerspruch, ein Protest gegen das alte Recht, das viele hundert Jahre vorher in dem Gesetzbuche des Hammurabi seinen Ausdruck gefunden hatte. „Anstatt dem Sklaven das Ohr abzuschneiden, wenn er sich gegen seinen Herrn auflehnt, wird es markiert, wenn er Sklave bleiben will." (D. H. Müller ebd.) Aber das fünfzigste Jahr, das Jobeljahr, macht unbedingt der Unfreiheit ein Ende, ob der Sklave will oder nicht, ob ihn auch die Sicherheit einer guten Versorgung bei seinem Herrn zurückhalten möchte. Das Schofar am Rosch Haschanah des großen Jahres ist der Beginn der Freiheit für alle Knechte. (III. B. M. 25, 10) So lautete im alten Israel wenigstens das Gesetz. Das Leben hat sich ihm mit aller Kraft widersetzt und stand ihm wie Feuer dem Wasser gegenüber. Die Sklaverei tritt uns in den Büchern der Könige, in dem Buche Nehemia, in den Schilderungen der Propheten überall als eine ^nächtige, herrschende Institution entgegen. Schuldner müssen sich "in ihrer Not selber verkaufen. Das Weib eines Prophetenjüngers schreit vor Elisa: Der Gläubiger kommt und will meine beiden Kinder zu Sklaven nehmen. (II. Kön. 4,1) Die Thorah wurde vom Leben zurückgedrängt. Trotzdem war sie weder tot, noch ohnmächtig. Sie erhob sich immer zu einer gewaltigen Macht. Man hat ihre Gesetze oft als Forderungen der Utopie betrachtet. Aber selbst wenn sie nicht mehr gewesen wäre als das Bild einer messianischen Zukunft, hätte sie doch als eine ewige stumme Mahnung immer die Welt erneuert. Ihr Gebot wurde immer dann gehört, wenn andere stärkere Gewalten, wenn die Mächte der brutalen Wirklichkeit die augenblicklichen Herren in ihrer Macht erschütterten. Heft 2. 7