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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Der Sozialismus des alten Judentums
Date
1923-01-01
Page
96 (sequence 8)
Language
German
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96 MaxEschelbacher: arbeit auf Schlitten! (Die Mechanik in ihrer geschichtlichen Entwicklung, 8. Aufl., S. 486.) Die Erinnerung an diese Epoche ist im Judentum nie mehr verloren gegangen. Sie wurde vielmehr liebevoll gepflegt und durch Zeichen und Symbole, insbesondere durch das Pesachfest, lebendig gehalten. Das einmalige Ereignis wurde dadurch zu einem ewigen Sinnbild umgeprägt. Die Freiheit des Menschen wurde ein Ideal, das immer herrschen müßte, und über ihr schwebte das göttliche Wort: ,,Mir sind die Kinder Israels Knechte. Meine Knechte sind sie, die ich herausgeführt habe aus dem Lande Ägypten. Ich bin der Ewige, euer Gott." (III. B. M. 25, S5-) Aus dieser Knechtschaft vor Gott leitet eines der schönsten Worte im Thalmud die Freiheit des Menschen ab. Jochanan ben Sakkai hat zur Zeit der Tempelzerstörung das Gebot „Mir sind die Kinder Israel Knechte" in einer negativen Fassung wiedergegeben: ,,Sie sind nicht Knechte von Knechten" (Kidd. 22 b). Die Knechtschaft vor Gott begründet die Freiheit vor den Menschen. Dieser Gedanke ist zunächst eine religiöse Idee, aber er drang ins Leben ein, und Jochanans Schriftdeutung wurde ein Grundsatz des Arbeitsrechtes. Anderthalb hundert Jahre später begegnet sie uns in Babel im Munde von Rab. Mit ihr begründet dort der große Amoräer das weitgehende Kündigungsrecht, das die Halachah dem Arbeiter einräumt. (B. k. 116 b). Sie hat dann bis auf den heutigen Tag zu weitgehenden Konsequenzen geführt. Im Osten gibt es Rabbiner, die bei der Berufung in ein Amt sich nur auf drei, höchstens auf sechs Jahre binden, weil sie in dem Abschluß eines Vertrags auf Lebenszeit eine Verfehlung gegen das Wort ,,Mir sind die Kinder Israel Knechte" sehen würden. (Arukh Haschulchan zu Choschen Hamischpat 333, IS«) Die Freiheit konnte verloren gehen, und der Jude konnte zum Sklaven werden. Aber auch für diese Not hat die Thorah die Hilfe gefunden. Sie konnte die zeitweilige Sklaverei nicht verhindern, vielleicht wollte sie es auch nicht. Denn Mose knüpft meist an das Gegebene an und entwickelt es ohne radikalen Umsturz in Ruhe weiter. Er rottet ja auch die Blutrache nicht mit Stumpf und Stiel aus, wohl aber mildert er sie und baut sie ab durch die Begründung der Zufluchtsstädte. So gab es auch im alten Israel Sklaverei. Aber unbekannt war, wenigstens dem Gesetze, die lebenslängliche Sklaverei. Vielmehr darf im siebenten Jahre, dem Sabbathjahre, jeder Sklave seinen Herrn verlassen und in die Freiheit ziehen. Und dann darf er nicht leer aus dem Hause gehen, sondern reich beladen mit allem, was Tenne und Kelter des Herrn liefern können, macht er sich auf den Weg in die Heimat. (V. B. M. 15, 13). Ob er von dieser Wohltat Gebrauch machen will, bleibt ihm überlassen. Verzichtet er darauf, dann mag er bei seinem Herrn als Knecht verbleiben, aus eigenem Willen und deshalb mit verringertem Ansehen. Ein symbolischer Akt bezeugt diese Degradation durch die neue, nun selbst gewollte und selbst verschuldete Unfreiheit. Der Herr durchbohrt dem, der aus Wille und

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