Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 95 (sequence 7)
- Language
- German
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Der Sozialismus des alten Judentums $5 daß die Produkte und Begriffe der sozialistischen Theorie der jüdischen Überlieferung völlig fremd sind. Sie weiß nichts vom „ehernen Löhngesetz" öder vom Mehrwert. Nicht die Theorie, wohl aber das innere Ethos des Sozialismus dürfen wir an der jüdischen Lehre und Tradition messen, III. Wie ein Schatten folgt der Menschheit durch den ganzen Lauf der Geschichte die persönliche Unfreiheit, wenngleich sie im Laufe der Zeiten verschiedene Formen annimmt und von der ausgesprochenen Sklaverei, der Hörigkeit, der Leibeigenschaft bis zur rechtlichen Freiheit bei tatsächlicher Unselbständigkeit und Knechtschaft ihre Gestalt wechselt. Alle alten Völker hatten eine mächtige, immer fließende Quelle der Sklaverei in den ewigen Kriegen. Und das alte Israel war von Natur nicht besser, als andere Völker. Nicht seiner natürlichen Anlage, sondern der Erziehung durch seine Religion, ihre Lehre und besonders ihr Gesetz hat es Israel zu verdanken, wenn die Sklaverei hier von vornherein gemildert, wenn sie früh schon innerlich und bald auch der Rechtsform nach überwunden worden ist. Der Abscheu vor der Knechtschaft, die Liebe zur Freiheit ist ein wesentlicher Charakterzug, der die Thorah vor anderen, großartigen Gesetzen des grauen Altertums auszeichnet. „Wenn ein Sklave zu seinem Herrn spricht: Du bist nicht mein Herr, wird ihm sein Herr, sobald man ihn als seinen Sklaven überführt, sein Ohr abschneiden*% mit diesem § 282 schließt das Gesetzbuch Hammurabis. Ein Protest dagegen ist die Forderung der Thora: „Du darfst nicht den Knecht seinem Herrn ausliefern, der sich zu dir von seinem Herrn gefettet hat. Bei dir soll er bleiben in deiner Mitte, an dem Orte, den er erwählt in einem deiner Tore, wo es ihm gut geht. Du darfst ihn nicht bedrücken". (V. B. M. 23, 16. D. H. M ü 11 e r , D i e G e s e t z e H a m - murabis und ihr Verhältnis zur mosaischen Gesetzgebung sowie zu den XII T a f e 1 n. S. 204.) Der Ursprung der jüdischen Geschichte wirkte für alle Zeiten nach. Wie das Haupt der Medusa starrte die Erinnerung an die Knechtschaft in Mizrajim den Juden an. Nach der Erzählung der Heiligen Schrift lebten dort die israelitischen Stämme im Zustande der völligen Entwürdigung. Was die Thorah berichtet, ist von der späteren jüdischen Dichtung im Thalmud, insbesondere im Midrasch eindringlich ausgemalt worden. „Sie belasteteten Frauen mit Männerarbeit und Männer mit Frauenarbeit. Wenn sie an Lehm und Ziegeln den ganzen Tag gearbeitet hatten und am späten Abend nach Hause kamen, um sich auszuruhen, kam der Ägypter und befahl: Hole mir Kraut aus dem Garten, spalte mir Holz, fülle mir dieses Faß im Nil." Moderne Beurteiler, die von ganz anderen Gesichtspunkten aus die Arbeitsverhältnisse im alten Ägypten betrachtet haben, haben noch schärfere Urteile gefällt. Die alten Ägypter* bemerkt Ernst Mach, hatten Räder an den Kriegswagen der Könige. Ihre Steinkolosse transportierten sie mit frecher Mißachtung der Menschen-