Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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94 M a x Esc heibacher: er sei Dein Bruder oder ein Fremdling, der in Deinem Lande in Deinen Toren ist, den Lohn nicht vorenthalten. Am selben Tage mußt Du ihm seinen Lohn geben, und es darf darüber die Sonne nicht untergehen, denn er ist arm und für seinen Lohn setzt er sein Leben ein, damit er nicht Deinetwegen zum Ewigen rufe und an pir Sünde sei." In diesem Geiste stellte er sich „wie ein fester Wall und wie eine eherne Mauer^ dem Könige gegenüber: „Weh dem, der sein Haus mit Unrecht baut und seine Zimmer ohne RechtI Der arbeiten läßt ohne Bezahlung und den Lohn nicht gibt! Der da spricht: Ich will mir ein geräumiges Haus mit weiten Sälen bauen, der sich lange Fenster daran machen läßt, es mit Zedern täfelt und mit Rot ausmalt! Willst Du Dich dadurch als König zeigen, daß Du mit Zedern wetteiferst? Dein Vater fürwahr hat auch gegessen und getrunken, aber er übte Recht und Gerechtigkeit, und da war ihm wohl. Er verschaffte den Armen und den Dürftigen Recht, und da erging es ihm wohl. Wahrlich, das heißt: mich erkennen, spricht der Ewige." (Jer. 22, 13 ff.) So stehen am Eingange unserer Geschichte die Handarbeiter. Ihre Not und ihr Recht beherrschen unsere alte Gesetzgebung. Neben sie treten andere bedrückte Menschen und Stände. Die Lieblinge der Heiligen Schrift sind die Verlassenen, die einen Helfer nie gehabt oder ihn verloren haben, der Fremdling und die Witwe, das verwaiste Kind und der Arme, der Knecht und die Magd. Mit dem Blick auf diese ihre Schutzbefohlenen hat die Thorah die großen Institutionen des Rechts und der Gesellschaft geordnet, die persönliche Freiheit, die Arbeitszeit, das Eigentum geregelt. In diesem Geiste hat von vorneherein das Judentum seine großen gesellschaftlichen Ideale geprägt, und er durchdringt die soziale Atmosphäre, die Luft, in der die Menschen atmen. Unverkennbar sind zahlreiche Berührungen _ und Übereinstimmungen mit dem modernen Sozialismus, so daß He'rmann Cohen den Satz wagen konnte, die Politik der Propheten sei nichts anderes, als was wir heutzutage Sozialismus nennen, und Recht zu schaffen den Armen, das sei ihr Glaube. (Ethik des reinen Willens S. 529.) Gewaltig ist aber umgekehrt auch die Kluft, die Judentum und Sozialismus von einander scheidet. Der Sozialismus verlangt im Erfurter Programm ,,Erklärung der Religion zur Privatsache". Im stärksten Gegensatze dazu leitet das Judentum alle seine sozialen Forderungen unmittelbar aus dem Wesen Gottes ab und verkündet sie als religiöse Gebote. Nichts könnte dem Judentum fremder sein, als jene Geschichtsauffassung, die der moderne Sozialismus als die ausschließlich gültige proklamiert, und die mit einem Schlagwort als die materialistische bezeichnet wird. Denn nach der sehr knappen und abstrakten, aber mit der Sprengkraft eines geistigen Dynamits geladenen Formel von Karl Marx wäre es ,,nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt". (Zur Kritik der politischen Ökonomie, 2. Neuausg., Vorwort S. LV). Und es ist selbstverständlich,