Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 93 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Sozialismus des alten Judentums 93 einem Volke geworden sind, sondern in einem vulkanischen Ausbruch geschichtlicher Kräfte, im Bruch mit der unmittelbaren Gegenwart, in Anknüpfung an eine schon Jahrhunderte zurückliegende Vergangenheit. Die hebräischen Heloten fanden damals den Führer, der sie, oft genug gegen ihren eigenen Willen, aus der Knechtschaft in die Freiheit leitete. Nach seiner Herkunft wie nach seiner Laufbahn ist der junge Mose eine überraschende Erscheinung in dem Kreise seines Volkes. Kraft seiner Stellung in der Gesellschaft gehört er nicht der Klasse an, für die er wirkt, und unter der er nachher lebt. Er ist zu der Zeit, zu der er zum ersten Male hervortritt, ein junger Adliger am ägyptischen Hofe, ein Zögling der Priester, tief eingeweiht in ihre dem Volke verborgene Weisheit. Aber er verläßt die Welt, für die er erzogen wurde und in der sich seine Laufbahn dereinst hätte vollenden sollen. Wie später die Gracchen oder Mirabeau und so viele andere Volksführer steigt er in eine andere Schicht hinab. Er findet den Weg zu den Ziegelbrennern und Lastträgern, zu den Zimmerleuten und Maurern, zu den bedrückten Hebräern, mit denen ihn am Anfang nichts zu verbinden brauchte, als die gemeinsame Abstammung. ,,Als Mose groß geworden war, ging er hinaus zu seinen Brüdern und sah sie bei ihrer Lastarbeit." (II. B. M. 2, n.) Er lernt ihre schwere Mühe kennen und erfährt an ihnen, wie einem mißhandelten Tagelöhner zu Mute ist. Er schützt sie vor der Roheit ihrer Vögte und sucht unter ihnen selbst Frieden zu stiften. Er läßt die glänzende Laufbahn fahren, die ihm sicher ist, und sagt sich von den Kreisen los, denen er nach Erziehung und Bestimmung angehört. Schließlich muß er flüchten. Er hat einen Aufseher erschlagen, der sich an einem hebräischen Arbeiter vergriffen hatte. Die erste Periode seines Lebens, die Lehrzeit, ist damit vorüber. Unter Arbeitern, mit ihnen lebend und für sie arbeitend, hat er sich auf den Beruf des Gesetzgebers, des Schöpfers einer neuen Ordnung, vorbereitet. Sein großes Werk, die Thorah, dieser Grundriß und Entwurf ^iner neuen menschlichen Welt, verrät deutlich diese Schule. Mose hat unter den großen Verkündigern und Vertretern der jüdischen Religion Nachfolger gefunden. Auch nach ihm traten unter diesen Anwälte des arbeitenden Volkes auf, die Gott dienten, indem sie die Rechte einer gedrückten Plebs vertraten. Um das Jahr 600 v. Chr., als die Agonie des jüdischen Staates bereits begonnen hatte, wurde in Jerusalem noch einmal ein königliches Schloß gebaut, das letzte seiner Art, mit weiten Sälen, mit hohen Fenstern. Als aber der Bau vollendet war, blieb der König, der dort residieren sollte, dem Maurern und Steinmetzen den Lohn schuldig. Damals war es der Prophet Jeremia, der wie ein Tribun die Sache der Arbeiter führte und ihren Anspruch auf Lohn gegen den König vertrat. Er konnte sich auf die Thorah Mosis berufen, die da gebietet: „Du darfst Deinem Nächsten nichts vorenthalten und ihm nichts rauben, und es darf der Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht bis zum Morgen bei Dir bleiben." (III. B. M. 19, 13.) Er konnte auch ihre dringende Mahnung wiederholen: ,,Du darfst dem Tagelöhner, dem armen und dem dürftigen,