Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Sozialismus des alten Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Max Eschelbacher: ergreifender Ausdruck der gleichen Wahrheit ist bis auf den heutigen Tag unser Sündenbekenntnis am Jörn Hakkipurim. Es ist im Plural gehalten. ,,W i r haben uns verschuldet, wir sind treulos gewesen, w i r haben geraubt." Der einzelne Beter bekennt hier Sünden, die er niemals begangen hat. Aber nicht darauf kommt es an. Es genügt, daß sich andere so versündigt haben, und ihre Schuld belastet auch den, der sich für gerecht und untadelig hält, es im gegebenen Falle auch wirklich sein mag. Diese Grundsätze und Forderungen stammen nicht aus den Erfahrungen des privaten Lebens. Sie gehen auch weit über seinen Bereich hinaus. Sie fließen aus dem Quellgebiet unserer Religion und äußern sich schon von Anfang an in der Idee Gottes, die sie verkündet. In der Thorah werden die Armen Gottes Volk genannt. (IL B. M. 22, 24. Vgl. Ibn Esra zur Stelle.) Der Geist der Verantwortung für die Armen strahlt dann von diesem Zentrum auf alle Gebiete des Lebens aus, er durchdringt die festgeprägte altjüdische Gesetzgebung, er beherrscht die Lebensstimmung des Judentums und seine gesellschaftlichen Ideale. Er bestimmt die Maßstäbe, mit denen es menschliche und soziale Verhältnisse mißt und beurteilt. Aber die einzige Quelle dieses Geistes ist die religiöse Offenbarung nicht. Vielmehr ist er auch durch eine geschichtliche Fügung erzeugt, geboren und ewig erneuert worden. Die Befreiung aus der Knechtschaft von Mizrajim hat mit einem gewaltigen Anstoß dem jüdischen Geist und der jüdischen Gesetzgebung ihre Bahn für die Zukunft gewiesen. Daher äußern sich diese Ideen im Judentum nicht schlechthin in einer allgemeinen Form, in der alle Welt sie aussprechen könnte, sie werden nicht als abstrakte sozialistische oder humanitäre Gedanken vorgetragen, sondern als Forderungen der Religion und als Erfahrungen der jüdischen Geschichte verkündet. IL Am Eingang der israelitischen Geschichte steht eine Empörung. Denn der gewaltsame Auszug aus Ägypten war eine Revolution, ein Bruch mit dem Rechte der Pharaonen und mit jener Ordnung der Gesellschaft, die etwa im Jahre 1606 v. Chr. in Mizrajim galt. Die Träger der Bewegung sind die unterdrückten hebräischen Männer gewesen, die an den Ziegelöfen standen, Balken schleppten und Steine transportierten, Städte und Festungen bauten. Sie hatten schwer zu arbeiten, ihr Dienst wurde niemals unterbrochen. Sie hatten keinen Ruhetag. Niemand sorgte für sie. Ihre Person war nicht geschützt, und ihre Aufseher und Werkmeister durften sie ungestraft schlagen. Die Erinnerung an diese Zeit der Knechtschaft wie auch an die Tage der Befreiung blieb bis in die spätesten Zeiten, ja bis auf den heutigen Tag, unverlierbar im Gedächtnis des Volkes. An den Auszug aus Ägypten erinnern Sabbath, Feste und viele andere Einrichtungen des Judentums. Sie alle verewigen zugleich die Tatsache, daß wir nicht in dem sanften Verlaufe der ruhigen geschichtlichen Entwicklung, nicht in dem stillen und selbstverständlichen Wachstum der Zeiten zu