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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Der Sozialismus des alten Judentums
Date
1923-01-01
Page
91 (sequence 3)
Language
German
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Der Sozialismus des alten Judentums 91 Konflikten erwachsen Sittlichkeit und Religion. Der Einzelne ist ein Splitter. Mensch im wahrhaften Sinne wird er erst in der Gesellschaft, mit allen anderen zu einer großen Gemeinschaft verwoben. Jeder erfährt den Segen, der von der Gesamtheit ausstrahlen kann, und jeder wird dadurch verpflichtet. Er trägt seine Schuld ab, sobald er an der großen Verantwortung teilnimmt, die die Zugehörigkeit zu ihr auferlegt. Der unerzogene und gleichgültige Mensch mag sich zu der Frage Kajins bekennen: „Bin ich der Hüter meines Bruders?" (I. B. M. 4, 9.) Er sorgt für sich selber und läßt Gott für alle sorgen. „Was mein ist, ist mein, und was dein ist, ist dein!" Aber in dieser Maxime erkennen manche unserer Lehrer den Standpunkt der Männer von Sodom. (Sprüche der Väter V, 13.) Das Judentum hat die Beschränkung auf das eigene Ich immer verurteilt. Vielmehr macht es jeden mit haftbar für den Lauf der Welt und für das Schicksal seines Nächsten. Wir brauchen dafür nicht viele Zeugnisse aus dem Pentateuch und aus den Büchern der Propheten. Es mag der Hinweis auf einen uralten Brauch genügen, dessen ursprünglicher Sinn uns nicht mehr bekannt ist. Im Thalmud hat er eine Deutung erfahren, in der diese Überzeugung zum Ausdruck kommt, die Verflechtung aller mit allen zu einer Gemeinschaft des Schicksals, und die Verantwortlichkeit eines jeden für unbekannte, ungezählte andere. Wenn im alten Israel die Leiche eines Erschlagenen gefunden wurde, eines unbekannten Mannes, mußten die Ältesten der nächsten Stadt vor ihr einen Reinigungseid leisten: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben es nicht geschaut." (V. B. M. 21, 1 ff.) Niemand weiß, was geschehen ist. Vielleicht ist der Erschlagene ein Wanderer, der von einem hungrigen Landstreicher niedergestreckt wurde, während der Mörder entkam. Vielleicht ist er der Räuber selber, der in der Not einen, der ihm begegnete, bedrohte, und von seinem Opfer in der Notwehr niedergeschlagen wurde. (Sotah 45b, Raschi.) Das Trauerspiel wird keine Aufklärung finden. In dieser Dunkelheit müssen die Ältesten schwören. Niemand traut ihnen unmittelbare Blutschuld zu. Wohl aber müssen sie als die Vertreter des ganzen Volkes durch ihren Eid bekunden, daß sie niemanden hungrig und daß sie niemanden ohne Geleit haben ziehen lassen. Sie müssen sich von dem Verdacht reinigen, daß durch ihre Schuld ein Mensch aus Not zum Mörder oder durch ungenügenden Schutz zum Opfer werden konnte. Die Schuld des Mörders kann das ganze Volk belasten, und jeder trägt einen Teil der Verantwortung dafür. Ein unsichtbares Gewebe verknüpft in der menschlichen Gesellschaft alle Glieder, und ein Symbol der Bürgschaft für ferne und fremde Menschen ist der Eid der Ältesten an der Leiche des Fremden. Mehr als auf der peinlichen Gerichtsbarkeit beruht auf dieser inneren Gesinnung die Erhaltung des Gänzen, denn ,,durch die Verbreitung eines solchen Verantwortlichkeitsbewußtseins im Volke wird für den Schutz des menschlichen Lebens dieselbe Wirkung erzielt, wie durch die Bestrafung des Mörders." (Hoffmann, Das Buch Deuteronomium I., S. 394.) Ein

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