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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Der Sozialismus des alten Judentums
Date
1923-01-01
Page
90 (sequence 2)
Language
German
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90 Max Eschelbacher^ immer gleich scharenweise entstehen. Für den Polytheismus sei die Vielheit das schlechthin Gegebene. Falls diese Vermutung zutrifft, dürfen wir die Idee, daß ein Einzelner der Stammvater der Menschheit sei, wohl als urjüdisch bezeichnen. In dieser individualistisch-atomistischen Auffassung der Gesellschaft liegt sicherlich ein großes Maß von Wahrheit, aber doch auch nicht die ganze Wahrheit. Die Bibel selbst spricht dem Adam-Robinson das Urteil: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei." (I. B. M. 2, 18.) Nach ihr beginnt die wahrhafte Geschichte des Menschen erst mit der Gemeinschaft, zunächst mit der Ehe. Gleich auf ihren ersten Blättern, im vierten Kapitel der Genesis, werden die Ursprünge der Kultur, die Anfänge von religiösem Kultus und Musik, von Hirtenleben und Industrie, in großen Zügen geschildert. Weil es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist, stiftet Gott die Ehe. Aber das Verdikt über die Einsamkeit gilt nicht nur für den Kreis der Familie. In keiner Beziehung soll der Mensch ein Einsiedler bleiben. Überall verdankt er vieles, vielleicht das Beste, der Gemeinschaft. Dieser Gedanke wird im Thalmud für das begrenzte Gebiet des wirtschaftlichen Lebens, wie auch für den hohen, überragenden Bereich der Religion ausgesprochen. Mit Behagen malt die Gemara es aus, wie mühsam Adam das nackte Leben fristete, und wieviele Sorgen die Gesellschaft dem Bürger, der in ihr lebt, abnimmt. „Was mußte Adam arbeiten, ehe er ein Stück Brot hatte! Er mußte pflügen, säen und ernten, die Garben binden und dreschen, mahlen und sieben, kneten und backen, dann erst konnte er essen. Ich aber finde alles am frühen Morgen für mich bereit. Und welche Mühe mußte er sich geben, ehe er ein Kleid anzuziehen hatte! Er mußte das Schaf scheren, die Wolle bleichen, hecheln, spinnen und weben. Dann hatte er endlich ein Gewand. Ich aber finde das alles am frühen Morgen für mich bereit." (Ber. 58a.) Der Rabbi, der so dankbar die Erleichterung empfand, die die menschliche Wirtschaft durch die Arbeitsteilung ihren Gliedern bringt, der Thanait Ben Sorna, sah vom Tempelberg in Jerusalem auf eine große Volksmenge herunter und machte bei ihrem Anblick nach guter jüdischer Sitte eine Berakha: „Gepriesen sei, der die geheimen Gedanken der Menschen kennt, und gepriesen sei, der diese alle geschaffen hat, um mir zu dienen." Er hätte noch als Ergänzung hinzufügen können: „und der mich geschaffen hat, um ihnen zu dienen", (ebd.) Die Beispiele von Arbeitsteilung, die der Thalmud bringt, könnten einem'Lehrbuche der Nationalökonomie entnommen sein, die Wahrheit, die er ausspricht, gilt für das gesamte Dasein, für die Wirtschaft, das sittliche und das religiöse Leben. Nur unter Menschen wird das Individuum zum Menschen. Außerhalb von Familie, Gesellschaft und Staat gibt es keine Sittlichkeit. Für einen Adam existiert der größte Teil der Zehn Gebote nicht. Was könnte für ihn die Ehrfurcht vor Vater und Mutter, was das Verbot des Mordes, des Diebstahls, des Ehebruchs, der falschenZeugenaussage, der bösen Begierde bedeuten? Erst in der Welt der Menschen mit ihren

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