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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Gemeindeorthodoxie und Separatismus
Date
1923-01-01
Page
79 (sequence 1)
Language
German
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Alfred Wiener: Gemeindeorthodoxie und Separatismus ALFRED WIENER/ GEMEINDEORTHODOXIE UND SEPARATISMUS1) i. ede Umgestaltung der geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse bedingt auch Wandlungen in den religiösen Anschauungen und in der religiösen Seite der Lebensführung. Diesem Naturgesetz kann sich keine Religion entziehen. Ein Problem entsteht erst, wenn die Abgrenzung des Dauernden, Unveränderlichen von dem Zeitlichen, das der Geistesrichtung und den Lebensanschauungen der Gegenwart angepaßt werden: kann, konkret erfolgen soll. Dann ergeben sich schwere Konflikte. Die Alten sehen in jeder Änderung des bisherigen Zustandes eine schwere Gefährdung, ja Verletzung ihrer heiligsten Güter, und die Jungen, die von den die Zeit beherrschenden Ideen erfüllt sind, erblicken in dem Gegensatz der Alten zu ihren Bestrebungen nur ein fanatisches Festhalten an erstarrten, verknöcherten, abgestorbenen Formen. Diejenigen, die das Neue mit dem Alten in Einklang bringen wollen, glauben zunächst durch friedliche Durchdringung das Problem lösen zu können. Die einen, in denen die überlieferten Anschauungen die unverrückbare Basis ihres Denkens und Handelns bilden, versuchen durch eine Anpassung der äußeren Formen das Neue mit dem Alten zu versöhnen; sie glauben, daß es sich nur darum handle, für den alten Wein neue Schläuche zu finden. Andere, die intensiver von den Tendenzen der Gegenwart erfüllt sind, sehen das Schwergewicht ihres Seins in der geistigen Athmosphäre der Gegenwart. Sie wollen, das Überlieferte dem neuen Geist anpassen, es gilt für sie neuen Wein in. die alten Schläuche zu füllen. Aber dieser Versuch, die Gegensätze friedlich auszugleichen, wird, wenn die Umgestaltung, der geistigen und wirtschaftlichen Verhältnisse einen bestimmten Grad erreicht hat, wohl stets scheitern. Es ist, als ob eine zentrifugale Kraft das Neue vom Alten hinwegschleudern will, die Gegensätze vertiefen sich, das Verständnis des einen für die Anschauungen des anderen wird immer geringer, das Gegensätzliche verdrängt das Gemeinsame, und schließlich erscheint eine scharfe Scheidung als der einzige Ausweg aus der völlig verworren gewordenen Situation. Inzwischen hat jedoch die neue Richtung mehr und mehr Boden gewonnen, und sie ist aus einer kleinen Minorität zur Majorität geworden. Die Zurücksetzungen und Beschränkungen, die sie einst erfahren hat, vergilt sie jetzt überreichlich ihren Gegnern. Aber die Besten der alten Richtung gewinnen hieraus nur neue Kraft. Die Gesinnungsgenossen schließen sich im Bewußtsein ihf£s Anderseins und Anderswollens aufs *) Vgl. auch den Bericht über die neugegründete „Achduth" in der „Umschau" dieses, iftes. D. Red.

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