Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Agudas Jisroel und ihre Kńessioh gd́auloh
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 77 (sequence 6)
- Language
- German
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Die Agudas Jisroel und ihre K'nessioh g'dauloh 77 und Lehrmeister vor ihnen dort, wohin sie gestellt sind und waren, in langer, zäher Arbeit ein großes Stück gefährdeter Judenheit für das Gesetz Gottes und damit auch am wirksamsten für die jüdische Volksgemeinschaft gerettet. In verhältnismäßig geringer Zahl war die lithauische Orthodoxie vertreten. Um so tiefer war der Eindruck, den ihre Abgesandten machten. Sie sprachen nicht viel, aber meist sachlich und eindringlich. Sie waren die Bescheidensten, die Anspruchlosesten in ihrem Auftreten und doch getragen von einem sichern Selbstbewußtsein. Und vor allem umgab eine unsichtbare und doch von allen gefühlte Aura ihre Persönlichkeiten. Es war, als wenn sie die Athmosphäre der großen Jeschiwaus Lithauens mitgebracht hätten: sie strahlten den Glanz der reifsten und klarsten Thorahforschung aus. Keine lärmende Huldigung wagte sich an sie fieran. Man huldigte ihnen mit stiller Scheu. In ihrer jüdischen Lebensweite, mit ihrem reichen jüdischen Wissensgehalte, auch zu innerst in ihrem Temperament ganz Ostjuden, —konnten sie doch durch ihre Gemessenheit und Sachlichkeit wie ,,deutsch" wirken. Zu den neuen Bekannten, den „Slowaken", vermochten sie, glaube ich, trotz mancher Berührungspunkte noch kein Verhältnis zu finden. Zu einer rascheren Intimität in Freundschaft, Feindschaft oder beidem hätten sie weniger Östler oder zumindest, wie mit den deutschen und polnischen-Juden, seit jeher Nachbarn sein müssen. Die Delegation aus Polen fiel am meisten auf. Schon durch die Zahl. Auch stellte man nicht ohne ein gewisses unabweisbares Gefühl des Bedauerns fest, daß sie über große parlamentarische Gewandtheit und Erfahrung yerfügte, und ließ sich dann lieber von der sanguinischen Note ihres jüdischen Bekennens einfangen — gegenüber der schon die Vertreter aus Lithauen, geschweige die aus Deutschland, als Phlegmatiker, die aus der Slowakei als Choleriker erschienen. Man erkannte an diesen Enthusiasten die Wirkung der großen chassidischen Welle, die ihre Vorfahren erfaßt hatte. Und ihr wird man wohl auch die restlos eigene jüdische Prägung zuzuschreiben haben, die hier zutage trat. Der €hassidismus hat eben durch den gewaltigen religiösen Anstoß, den er gab, auch die volkaufbauende Kraft des jüdischen Lebens gefördert. Wenn sich nun darüber hinaus auf der K'nessioh g'dauloh zeigte, daß der Einfluß auch der chassidischen Rabbinen von heute auf die polnische Judenheit und damit auch in der Agudas Jisroel ein großer ist — namentlich trat dies bezüglich des anwesenden Gerers'' (des Rabbi von Göra Kai war y ja) hervor — so darf andererseits nicht übersehen werden, daß bei dem Vorhandensein solcher Gegengewichte, wie sie die deutsche, slowakische und lithauische Orthodoxie darstellen, ein Überwiegen des gedachten Einflusses weder Tatsache wurde noch zu werden droht. Man darf aber auch gar nicht glauben, daß die alten Gegensätze innerhalb der überlieferungstreuen Judenheit irgendwie auf der K'nessioh g'dauloh in Diskussion miteinander gerieten. Davon war nicht ein Spürchen zu entdecken. Das Gebot der Stunde, das für die Teilnehmer an der großen Versammlung mit dem Gebote der Ewigkeit zusammenfiel, schloß dies