Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Agudas Jisroel und ihre Kńessioh gd́auloh
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 76 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Nathan Birnbaum: und wie die Östler mit einem Lächeln — halb Glück und halb sichs nicht glauben wollen —auf ihre so seltsam fernen und doch mit einem Male so seltsam nahe gekommenen Brüder aus Deutschland blickten, wie sie deren Anteil am gemeinsamen Werk willig und mit Vertrauen hinnahmen. Und dieser Anteil war nicht klein, war um so größer, als er sich naturgemäß fast durchaus im Organisatorisch-Methodischen und Dialektisch- Programmatischen auswirkte und das andere, das inhaltlich Gestaltende, auf einem Kongresse weniger zur Geltung kommt. Ja, es hatte oft den Anschein, als ob die Vertreter aus Deutschland, da sie sich auch als die berufenen Vermittler zwischen den anderen Gruppen gaben, die Geschicke der Agudas Jisrael in der Hand hielten. Das ist aber, zumindest vorläufig, gar nicht der Fall, und sollte es jemals soweit kommen, so müßte die Verantwortung dafür den Östlern selbst zugeschoben werden, die dann bewiesen hätten, daß sie es nicht verstanden, ihr starkes jüdisches Wesenskapital zur Grundfeste der in der Agudas Jisroel organisierten Orthodoxie zu machen. Der deutschen Orthodoxie am verwandtesten erwies sich die slowakische *). An sich stehen ja die slowakischen Juden gerade an der Grenze zwischen Osten und Westen, gehören weder ganz zu den Ostjuden, noch ganz zu den Westjuden. Ihre jüdische Lebenswirklichkeit ist nicht so breit wie die der ersten und doch viel breiter als die der letzten. Sie waren in ihrer Geistigkeit den Einflüssen der Außenwelt denn doch weit mehr ausgesetzt als jene und doch weit weniger als diese. Aber eben die Notwendigkeit, sich schließlich doch auf einen engeren Spielraum und eine anspruchsvollere Umgebung einzustellen, hat die slowakische Orthodoxie zu denselben Konsequenzen geführt, zu denen, nicht ohne ihren hervorragenden Einfluß, später auch die deutsche Orthodoxie gelangte: Zur stahlharten Forderung und zum Gedanken strenger Organisation. Nur daß sich bei ihr, der slowakischen Orthodoxie, diese Konsequenzen mit dem doch weit intensiveren und selbständigeren jüdischen Leben zu einem Gesamtbilde von imponierender Wucht vereinigten. Und so sah man die ,,Slowaken** auch auf der Knessioh g'dauloh stark, unerbittlich und — gewandt. „Finstere Gestalten**, sagte der rasch bereite Gegner. Oder ,,das Bewußtsein der Volksgemeinschaft verloren**. Der Freund aber — selbst der, der anderer Art ist und bleiben will — wußte: Unter diesen ,»finsteren Gestalten** gibt es eine ganze Reihe lichter, milder, gütiger Menschen nebst rauheren, leidenschaftlicheren und nichts weniger als bösartigen. Und wenn sie auch zeitweilig ,,das Bewußtsein der Volksgemeinschaft verloren** haben sollten, jedenfalls haben sie und ihre Väjter 3) Die Bezeichnung der Gruppe als tschechoslowakische ist vollständig irreführend. Es handelt sich nicht auch etwa um eine böhmisch-mährische, sondern nur um die slowakische, d. h. um diejenige Orthodoxie, die in der Vorkriegszeit im Rahmen der damaligen gesamtungarischen Orthodoxie gegenüber dem Staate' und den Nichtorthodoxen organisiert war und heute selbständig organisiert ist. — Die heutige ungarische Orthodoxie ist, entsprechend den geänderten politischen Grenzen, ebenfalls selbständig organisiert, deckt sich aber im Wesen und in der Methode fast ganz mit der slowakischen. Sie hat sich erst vor Kurzem, schon nach der£K'nessioh g'daUloh, der Agudas Jisroel angeschlossen.