Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Agudas Jisroel und ihre Kńessioh gd́auloh
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 75 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Agudas Jisroel und ihre K'nessioh g'dauloh 75 vorhanden — daß nämlich das Leben vorgemeistert sein muß, damit die Schule es weiter meistern kann, d. h. daß die schönste Schule nichts hilft, wenn man nicht feindselige Tatsachen beseitigt, welche die Schule sabotieren, und daß etwas geschehen muß, damit das jüdische Volk möglichst von den Tatsachen befreit werde, die mit größerer oder geringerer Schnelligkeit, mit mehr oder weniger Wucht, lärmend oder still seine Gottinnigkeit und seine Gesetzestreue, und den Willen, sie zu bewahren, zermürben und zerstören. Es fehlte an großen religions-, wirtschafts-, berufs- und bevölkerungspolitischen Ausblicken im Zusammenhange mit dem so starken Willen zur religiösen Tat. Denn daß speziell der Palästinaarbeit viel Aufmerksamkeit, Zeit und Liebe gewidmet wurde, kann wohl kaum als solcher Ausblick gewertet werden, abgesehen davon, daß hier die Absicht solchen Ausblicks — wieder aus dem tiefsten Sinne der Agudas Jisroel heraus — hinter der unmittelbaren Auswirkung des elementaren Verknüpftseins des frommen Juden mit dem verheißenen Lande und der elementaren Furcht vor dessen fortschreitender Entheiligung zurücktrat. Im übrigen kann es der Agudas Jisroel noch sehr zustatten kommen, daß sie die Lust nach Ausblicken nicht kannte, bevor sie die Reife dazu erlangte. Um ihre Reifung selbst aber braucht ihr, glaube ich, nach ihrer großen Wiener Heerschau nicht bange zu sein: Nicht nur, daß die galuthgeschichtlich gewordenen Hauptgruppen der Judenheit vertreten waren — die Vertreter dieser Gruppen waren auch aus deren ursprünglichstem, wesenreinstem, unverbrauchtestem Elemente, dem Volkskern, herausgeholt, jede dieser Delegationen entfaltete ihre urwüchsige Eigenheit, und alle die verschiedenen Eigenheiten — die hier viel stärker hervortraten, als sonst auf jüdischen Kongressen, wo die Verschiedenartigen schließlich doch alle an ein gemein-europäisches Paradigma angenähert sind —- wuchsen im Einklang der Idee und der Lebensführung zur Kräfteeinheit einer ureigenen Volksgemeinschaft zusammen. Auch die Delegation aus Deutschland war in dieser Einheit inbegriffen. Denn wenn auch bezüglich der deutschen Judenheit von einer Unterscheidung zwischen Volkskern und denjenigen, die nicht mehr Kern sind, nicht gut die Rede sein kann, weil die deutsche Judenheit in a 11 e n ihren Schichten viel Fremdheit in sich aufgenommen und viel jüdische Eigenheit eingebüßt hat — ist dennoch gerade die Orthodoxie das Element, das durch seine Teilnahme an der Kontinuität des jüdischen Gesetzeslebens allein unter den deutschen Juden eine Brücke, die mehr als eine papierene Brücke ist, zu der originalen jüdischen Masse des Ostens offen hat. Und man konnte auf der K'nessioh g'dauloh diese Brücke in aller Wirklichkeit sich wölben, man^ konnte sie die Kluft zwischen voller Eigenheit und Angefremdetsein, zwischen Plüschhut und Zylinder, Kaftan und Salonrock, zwischen jiddisch und deutsch überbrücken sehen. Man durfte Zeuge sein, wie die deutschen Juden mit plötzlicfi wissenden Augen in den ostlichen Brüdern die Ebenbilder ihres eigenen Seins — sowie es in einer noch nicht lange verschütteten Vergangenheit gewesen war — erkannten,