Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Agudas Jisroel und ihre Kńessioh gd́auloh
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 74 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Nathan Birnbaum: magna chartä seiner Pflichten, nicht aber die Art in Betracht kommt, wie sich die andern Völker ihren Bestand sichern oder zu sichern wähnen. Heller und freudiger konnte der Ruf: „Die Thorah ist souverän in Israel" nicht erschallen. Bündiger und stolzer konnte das Bekenntnis zur Form im Judentum als einem Unberührbaren, — weil Geleit, Bürgschaft, Gleichnis und Stücke seines Wesens — nicht abgelegt werden. Es ging ums ganze Judentum — gegen ganze und halbe Verneinung. Es ging um die goldene Kette, die nicht reißen darf. Und diesen Geist religiöser Geschlossenheit und Entschlossenheit atmete alles, was vom Werk der Agudas Jisroel auf der K'nessioh g'dauloh sichtbar wurde — selbst das, was man der nicht jüdischen Welt zu sagen hatte. Nur daß hier der Nachdruck auf die Solidarität aller gottgläubigen Menschen gelegt war. Aber gerade auch dies gab der K'nessioh g'dauloh ein einzigartiges Relief. Man fühlte: Nie hätte der österreichische Bundeskanzler Seipel, ein katholischer Geistlicher, ein soweit über formale Höflichkeit hinausgehendes Begrüßungsschreiben an die K'nessioh g'dauloh gerichtet, ^venn er nicht die religiöse und religiös-disziplinare Grundorientierung der Agudas Jisroel erkannt hätte. Und nirgends hätte ein Protest gegen die l^eligionsVerfolgungen in Rußland so klingen können, wie er in dieser großen Versammlung klang: Nicht programmatisch kühl, lediglich mit verletzter Gewissensfreiheit begründet, sondern von einer heißen Welle beleidigter Religiosität getragen; nicht nur der in ihrem religiösen Leben gestörten Juden, sondern aller gottgläubigen und Gott dienenden Menschen aus religiösem Mitgefühl heraus sich annehmend, nicht bloß Protest, sondern auch Bekenntnis. Mit diesem Protestbekenntnis hat die Agudas Jisrael gezeigt, daß sie fühlt, was sie soll, und daß sie weiß, was sie will. Wenn sich die Welt schon abgewöhnt hatte, es für möglich zu halten, -daß auch in einer jüdischen Versammlung ein unsichtbarer Finger gen Himmel weise, die Agudas Jisroel hat sie wieder eines Bessern belehrt. Ganz dem tiefsten Sinn der Agudas Jisroel entsprach es auch, daß von den ^sachlichen Verhandlungsgegenständen der K'nessioh g'dauloh die Frage der Erziehung, des Unterrichts, der Lehre den allerbreitesten Raum einnahm. Denn wenn die Thorah der alleinige Souverän im jüdischen Volke ist, dann darf ihr Herrschaftsbereich nicht zusammenschrumpfen, dann müssen ihre alten Schulstätten erhalten und neue geschaffen, dannmuß reichlich Gelegenheit geboten werden, Thorah zu lernen, in ihr zu forschen, sich in sie zu vertiefen. Dann müssen Lehrpläne ausgearbeitet werden, die dem besonderen Lehrziel unter den verwickelten Voraussetzungen unserer Zeit entsprechen, und es müssen die Mittel aufgebracht werden, um die Pläne selbst zu verwirklichen. In allen diesen Hinsichten ist auf der K'nessioh g'dauloh Erkleckliches geleistet worden, und es wird nur darauf ankommen, daß die Organisation hält, was ihre große Heerschau versprochen hat, und daß insbesondere die Institution des Keren Hathauro (Thorahfond) günstige Ergebnisse erzielt. Allerdings: Eine Erkenntnis ist auf der K'nessioh g'dauloh nicht zutage getreten und vielleicht überhaupt in der Agudas Jisroel noch spärlich