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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Die Agudas Jisroel und ihre Kńessioh gd́auloh
Date
1923-01-01
Page
73 (sequence 2)
Language
German
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Nathan Birnbaum: Die Agudas Jisroel und ihre K'nessioh g'dauloh 73 um Aufmerksamkeit zu finden. Jetzt erst wurde aus dem mitleidigen Lächeln derjenigen, die selbstverständlich" darüber hinaus*1 sind, ein grelles Hohnlachen, aus gelegentlichen Hieben politischer Gegner ein dauerndes Angreifen, aus dem Hinhorchen selbständigerer oder gar führender Geister ein Nachdenklichwerden und Bedenken. Und was den ersten noch nicht klar wurde und den zweiten erst als Ahnung aufstieg, die man nicht gerne wahr haben wollte, war den dritten klare Erkenntnis: Daß man nämlich über das überlieferungstreue Judentum zumindest doch etwas voreilig zur Tagesordnung übergegangen war. Gewiß, man hatte gewußt, daß es noch Millionen Juden gab — vielleicht war es sogar die Mehrheit — die den alten Vorschriften gemäß ihr Judentum lebten, aber man hatte seit den Tagen der Aufklärung und noch mehr der Moderne mit ihren technisch-industriellen Hintergründen immer mehr Abtrünnige und außerdem noch feststellen können, daß sich zwischen diesen und den noch nicht Abtrünnigen Übergangsstufen mit größerer oder geringerer Elastizität in der Treue gegen die Überlieferung bildeten. Man hatte auch gesehen, wie friedlich und ahnungslos sich die gesetzestreu Gebliebenen dazu verstanden, von solchen, die es nicht geblieben waren, geführt zu werden. Und man war darum so ganz unbemerkt in die sichere Vorstellung: hineingeglitten, daß man es mit Leuten zu tun habe, denen der Tod schon in den Knochen saß und die man ruhig in ihrer veralteten Schönheit dahinsterben lassen dürfe, ohne sich noch einer Gefahr von ihnen versehen zu müssen . . . Und nun plötzlich dieses heiße Treuebekenntnis vor aller Welt, diese Offenbarung lebendiger Energie, dieser stürmischer Wille zum Leben, diese Heerschau einer Macht, die mit Witzen nicht abzutun ist* Denn eine Heerschau und eine Willenskundgebung war die K'nessioh g'dauloh vor allem und darin lag ihre Bedeutung. Ich will nicht leugnen, daß sie gewisse Richtungen für sachliche Arbeit wies und so manche Beschlüsse faßte, die sich bei Umsetzung in die Tat als wertvoll erweisen können. Aber ich denke im allgemeinen viel zu wenig demokratisch, habe mir auch schon zu viel Kongresse, Konferenzen u. dergl. angesehen, um darauf viel Gewicht zu legen. Ich bin überzeugt, daß man ähnliche Ergebnisse auch ohne eine K'nessioh g'dauloh hätte erzielen können. Was jedoch ohne eine erste K'nessioh g'dauloh niemals hätte erzielt werden können, das ist eben das Aufgebot, das nach innen und außen Voraussetzung für weitere Erfolge war und vor allem ein klares Bild des Sinns, des Werks und der Menschen der Agudas Jisroel lieferte. Deutlicher als es bei der K'nessioh g'dauloh in den mannigfaltigsten Schattierungen des Gefühls,.der geistigen Reichweite, des Temperamentes, des Stils — abgesehen von aller offizieller Manifestierung — geschah, konnte der Sinn der Agudas Jisroel nicht zum Ausdruck kommen. Deutlicher konnte nicht gesagt werden, daß die Agudas Jisroel im jüdischen Volke ein von allen Völkernwesensverschiedenes Volk, ein Volk sieht, das ohne die Verknüpfung mit dem, der es auserwählte, und ohne das ihm zuteil gewordene göttliche Lebensgesetz nicht denkbar ist und für das nur diese

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