Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Emigration und Immigration
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101204-3108902--6733-3108928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Emigration und Immigration 67 Verfügung stehen werden. Unter diesen Umständen konzentriert sich die Aufmerksamkeit des Jischuw darauf; unter allen Umständen eine sofortige Lösung des Arbeitslosenproblems zu finden. Hierbei kommt noch eine weitere Frage in Betracht* die in der letzten Zeit im Vordergrund vieler Diskussionen stand: die Frage der Arbeitsteilung. Seit über einem Jahre arbeiten Tausende von Arbeitern nur einen Bruchteil der Woche, 2—3 Tage oder weniger: und diese Arbeitsstreckung, die mit allen Mitteln durch die ,,Allgemeine Arbeiterorganisation" durchgeführt wurde, solange man die Arbeitslosigkeit mehr oder weniger als eine vorübergehende Sache betrachtete, begegnete in der letzten Zeit vielem Widerstand, sowohl von Seiten der Arbeitgeber als auch der Arbeiterschaft selbst, die in dieser permanenten Arbeitsstreckung schließlich ein gefährliches Mittel sah, sich über die Wirklichkeit wegzutäuschen und Beschäftigung zu heucheln, wo Arbeitslosigkeit besteht. Die Existenz auch der arbeitenden Gruppen während des vergangenen Jahres ist infolge der Arbeitsstreckung eine vollkommen unzureichende gewesen: und so entstand die eine Losung: ,,6 Tage Arbeit" für die einen? vollkommene Arbeitslosigkeit für die andern, Aufgeben der Arbeitsstreckung, jedenfalls als Mittels, sich über die Beschäftigungslosigkeit zu betrügen. Das Problem liegt klar, und endlich gilt es, entscheidende Mittel zu finden, um dem verzweifelten Zustand zu entgehen, der ohne sofortige Abhilfe zweifellos zu einer erneuten Auswanderung im Sommer führen wird. Das ganze Problem verliert dann an Schwierigkeit, wenn man bedenkt, daß es sich nur um wenige tausend Menschen handelt, deren Unterbringung die Wege zu einer neuen, dringend notwendigen und erwünschten vierten Alijah eröffnet; und daß es nicht etwa an Arbeitsmöglichkeiten mangelt) die im Gegenteil unbegrenzt sind, daß auch nicht die Perspektiven größerer Arbeiten fehlen, deren Beginn das Problem mit einemmal beseitigen wird. Die Situation wird klar, wenn wir diese Epoche als die Liquidationszeit der großen getäuschten Hoffnungen betrachten; die,,Bautätigkeit der ersten Jahre nach der Balf ourdeklaration nähert sichdemEnde; dieZeitder provisorischenUnterbringung der Chaluzim, in der man hoffte,Tausende zurAnsiedlung bringen zu können, ist vorbei: und für den schaffenden Jischuw, die Arbeiterschaft im besonderen, besteht zu 90% nicht die Frage der Auswanderung (selbstverständlich nicht), sondern eben die Frage der produktiven Liquidation als Übergang zu Neuem. Das Auswanderungsproblem, Folge enttäuschter Hoffnungen, des Herkommens schnell verzagender, nicht geeigneter Menschen, ist im letzten Grunde unwichtig; sich mit ihm allzusehr zu befassen, verlohnt nicht, wenn man Manns genug ist, die Dinge sn der Wurzel zu packen. Und so sehen wir, daß es wie ein Aufraffen durch den Jischuw geht: Zusammenreißen der Kräfte, um aus sich selbst Hilfe zu bringen (wir reden |n diesem ganzen Zusammenhang natürlich nicht vom Gelingen der Arbeiten *ni Ausland, das uns mit einem Schlag weiterbringen würde, wenn man nur die Kraft hätte, statt ohnmächtiger Memoranden zur Frage der Arab Agency sich mit dem Problem des Nationalanleihe zu befassen, ein Plan, der bekanntlich nicht gegen Keren Hajessod oder Ruppinsche Pläne spricht). 5*