Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Emigration und Immigration
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101204-3108902--6732-3108927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
66 Walter Preuss: Awiw, war vorauszusehen; und auch in den übrigen Städten: Jerusalem, Haifa, Tiberias. Selbst auf den Arbeiten, die in den landwirtschaftlichen Gütern beschäftigt sind, lastet die Aussicht, nach Beendigung der gerade vorhandenen Arbeit immer von neuem arbeitslos zu werden, wie ein Alpdrück. Die Not der Wirtschaft des „kleinen Mannes" drückt auf die gesamte zionistische Arbeit; es ist nicht die Wirtschaft desjenigen, der große Pläne folgerichtig durchführt, sondern, infolge der verhältnismäßig kleinen, Möglichkeit, Chaluzim fest anzusiedeln, die Kunst, mit kleinen Mitteln,, durch immer neue Kombinationen, für Tausende von Arbeitern heute hier, morgen dort Arbeit zu schaffen, nicht immer dort, wo es politisch und wirtschaftlich am nötigsten wäre, sondern unter immer erneutem Druck auf träge Instanzen, Stadtverwaltungen, Stiftungen, Vereine, Häuserbaugesellschaften, auf Regierung, Ica, deren Stellungnahme immer ein besonders trübes Kapital darstellt, sowie auf Privatpersonen — sich an irgendwelchen Arbeiten zu beteiligen. Die Erkenntnis von der geringen Aussicht der baldigen Ansiedlung, der Druck infolge der immer erneuten und sich erneuenden Arbeitslosigkeit, der unzureichende Lohn, die scheinbare Aussichtslosigkeit des Systems — das sind die Hauptschuldigen der Chaluzimauswanderung dieses Herbstes. < Kommt dann die traurige Lage des alten Jischuw hinzu, der, soweit er handwerklich als Schneider, Schuster usw. tätig ist, unter der Konkurrenz der englischen und deutschen Fertigwaren erliegt (viele deutsche bürgerliche Zionisten glauben noch, zionistisch gearbeitet zu haben, wenn sie billige deutsche Waren in Palästina verbreiten und Importgesellschaften auch für Waren gründen, die in Palästina hergestellt werden), so nimmt der Ansturm auf das amerikanische Konsulat kein Wunder. Es«ist keineswegs sicher, daß sich die Auswanderung im Sommer nicht verstärken wird. Mit aller Energie muß man diesen Problemen ins Auge schauen. Schon versteht man in weiten Kreisen, besonders der organisierten Arbeiterschaft, daß in dieser Frage der Schwerpunkt des zionistischen Problems im Lande liegt (wir sprechen hier nicht von der Zentralfrage der Geldaufbringung im Galuth). Welche Mittel und welche Möglichkeiten sind vorhanden,, eine Wendung zum Besseren zu bringen? Diese Frage stand auch im Vordergrund der Debatten, die auf der „Moazah" der Histadruth Ende Dezember in Tel Awiw stattfanden. 650 Arbeiter (nicht Seelen) wurden dieses Jahr landwirtschaftlich angesiedelt in Tel Adaß, Sarona, Ruw el Nasrah, Chitin; einige hundert weitere erhielten Mittel, um ein Stück Land zu mieten und Geräte zu kaufen (das Hauptgewicht bleibt bei diesen Gruppen in der Außenarbeit) —und trotzdem fällt diese Ansiedlung kaum merkbar ins Gewicht gegenüber Tausenden, für die eine Ansiedlung, die sich weiterhin in diesem Tempo vollzieht (trotzdem in diesem Jahr die Ansiedlung der 650 trotz mannigfacher Hindernisse mit vorbildlicher Beschleunigung durchgeführt wurde) erst nach Jahren in Betracht kommen würde. Schlimmer ist noch, daß sich im Augenblick nicht einmal voraussehen, läßt, ob im kommenden Jahr die notwendigen Nationalfondsböden zur