Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Emigration und Immigration
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 65 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WALTER PREUSS/ EMIGRATION UND IMMIGRATION Wenn wir in Erez Israel von einer ökonomischen Krisis sprechen, so erscheint mir das eigentlich nicht richtig. Krisis bedeutet etwas einmaliges, einenÜbergang von einem Stadium indas andere, eine Entscheidung; man kann aber heute noch nicht einmal von einer Dauerkrise reden, denn das eigentlich Normale in Palästina ist heute der Zustand des Überganges, des Nicht-Stabilisierten — und der ganze Sinn der Palästinaarbeit liegt eben in der Frage, in welchem Tempo wir eine möglichst große Zahl von Menschen stabilisieren können. Das Merkmal unsrer Epoche, das, was von vielen als „Krise" empfunden wird, ist die Tatsache, daß die vorhandenen Mittel nicht zur Befriedigung der Bedürfnisse der zur Zeit im Lande befindlichen Menschen ausreichen. Von den 30 000 Emigranten der Nachkriegszeit sind nur 3000 zur vollen landwirtschaftlichen Ansiedlung in den neuen Siedlungen gekommen; gegen 2500 stehen in fester Arbeit in Fabriken jeder Art und in größeren Werkstätten; 8000 sind auf tägliche Arbeit angewiesen, und der Rest, über 60%, dürfte als Handwerker, Händler, Lehrer, Beamte, sonstige freie Berufe und Angestellte eine mehr oder weniger feste Existenz gefunden haben. Zieht man in Betracht, daß der alte Jischuw auch vor dem Kriege wirtschaftlich durchaus abhängig vom Auslande war, so läßt sich aus den Zahlen ersehen, daß eben Teile dieses alten Jischuws und Teile der 8000 Köpfe und sicher über 10 000 Seelen zählenden städtischen mittellosen Arbeiterbevölkerung von jeder Schwankung am ehesten ergriffen werden. So muß, da in dem heutigen Zustand keinerlei Möglichkeit für eine Dauerstabilisierung vorliegt, eigentlich von Monat zu Monat aufs neue „stabilisiert" werden. Schon vor einem Jahre schrieb ich an dieser Stelle in einem Aufsatz über ,,Die Legion der Arbeit", in wie geringem Maße die Aufwendung aller Energien ausschließlich auf öffentliche und Bauarbeiten geeignet sei, eine Stabilisierung des Lebens in Palästina herbeizuführen; bereits vor 2 Jahren, beinahe im Anfang der Bautätigkeit, war es klar, daß diese, größtenteils mit Hilfe von Krediten, zum geringen Teil mit eigenen Mitteln durchgeführte Bautätigkeit (es sind gegen 1200 Häuser während zweier Jahre in Erez Israel gebaut worden), auf die j^auer nicht die 5000 Arbeiter beschäftigen könne, die noch 1922 in der Bauarbeit selbst und in den Nebenarbeiten (Straßenbau, Tischlereien, Steinbrüchen, Ziegeleien, Zern entstein Werkstätten, Schlossereien usw.) tätig waren1). Eine zeitweilige Einschränkung der Arbeiten, zumindest in Tel « 1) Siehe über diese Verhältnisse meinen eingehenden statistischen Aufsatz im Sammelten „Solelboneh" (Hebräisch), sowie über die Zustände der Kinderarbeit im Handwerk Jerusalems („Pinkas", 1923, Nr. 1 und 6).