Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lebensform und religiöse Form
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 60 (sequence 3)
- Language
- German
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6o Bemerkungen : Lebensform und religiöse Form formen — den einzigen Lebens, formen des jüdischen Volkes — zugewendet ist. Gewiß liegt das nicht an einem Bequemlichkeitshang unserer Jugend. Es gibt keine Jugend, die nicht das Schwerste auf sich nähme, sofern es ihr um eine innere Lebensnotwendigkeit geht. Aber zu viel Schutt hat sich zwischen dem Gelände des alten jüdischen Lebens und dem Lebensstrom der heutigen Juden aufgehäuft. Auch wenn die letzte Fernsicht die gleiche geblieben wäre, die näheren Ausblicke nach - rechts und links sind es nicht. Wenn aber der Schutt, der das jüdische Land verdeckt, innerlich abgetragen werden soll, dann muß eines überwunden werden: das falsche Schauen, in dem sich Jahrhunderte erzogen haben. Der eine große Erziehungsfehler der üdischen Vergangenheit war ihr Aberglaube, d. h., die Ausnutzung der Angst als des Antriebes zur Erfüllung aller Lebensbräuche und menschlichen Verpflichtungen. Und jeder Glaube, der auf Angst vor Strafe gegründet ist, ist Aberglaube. Wir müssen unsere religiöse Welt von der Vorstellung eines göttlichen Handkatalogs befreien, in den jede Übertretung eines festgelegten Paragraphen für eine jährliche Zensur eingetragen ist. Dann wird es nicht geschehen, daß ein Ausbleiben erwarteter Strafen als Beweis für die Sinnlosigkeit religiösen Lebens wird gedeutet werden können. Freilich, nicht nur bei Kindern ist Furcht vor Strafe ein Mittel für Gutes-Tun. Aber wer das Gute aus Angst tut, tut es nicht um des Guten willen, sondern damit das gefürchtete Böse ihm nicht zustoße. * Alle unsere großen Religiösen kämpften eigentlich immer nur gegen die Angst als Grundlage des religiösen Lebens. Sie führten Tun und Glauben auf letzte seelische oder geschichtliche Notwendigkeiten zurück. Denn es ist Abfall vom Monotheismus, so sehr an die Gespenster der Angst zu glauben, daß man erst göttlichen Schutz anrufen muß. Darum war auch die Angst vor dem Jenseits niemals ein bestimmendes Motiv für das jüdische religiöse Leben. Auch das Geringste, das wir an Bräuchen und Formen üben, ist nur Ausdruck unserer Hingabe ans einzige, unendliche Sein. Sie strömt aus uns Gott entgegen, nicht von Gott wahlfordernd zu uns. Sie ist nicht eine verabredete Antwort auf eine-kosmische Frage, sie ist eine menschliche Frage nach einer unendlich erhofften Antwort. Damit ist der zweite große Erziehungsfehler offenkundig: die Sicherheit, mit der man bei den größten und kleinsten Lebensformen zu wissen meint, daß sie die rechtliche Entschließung eines göttlichen Willens sind. Wir sollten von heiliger Unsicherheit erfüllt sein, weil sie allein der suchenden Gottesliebe würdig ist und weil die Stärke einer Liebe nichts mit ihrer juridischen Richtigkeit zu tun hat. Der letzte Sinn des Religiösen ist die Erschütterung vor dem Unendlichen. Der religiöse Formenwille ist ihre sichtbare Gegengewalt und ihr dauernder Anlaß. Der hat die religiösen Formen von ihrem Sinn losgelöst, der sie zu Gebilden der Bequemlichkeit oder Geschäftigkeit erniedrigt. Aber wer sich ihrer Erschütterung nicht entzieht, wird von dem Anhauch eines Zweifels nie frei sein, ob er auch wirklich in solcher Form. dem Unendlichen willig ist. Und dieses Quentchen Skepsis wird, wenn er die wahre Liebe hat, mit seiner größeren Demut auch seine Inbrunst steigern. Alles Gewohnte steht immer wieder zur Entscheidung und nicht alles, was einmal entschieden wurde, ist auch heute entscheidend. Aber die bürgerliche Art, nur die polierte Oberschicht eines Wortes zu sehen und nicht den Abgrund, den es überschleiert — von Sünde, Schuld und Rückkehr nicht anders zu sprechen als vom sanften Zephir oder der hold errötenden Jungfrau — das ist nur möglich, wenn die seelische Sicherheit nicht erworben, sondern eingewohnt ist. Mar* kann aber Gott nicht besitzen, wenn man ihn nicht zu verlieren