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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 59

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Lebensform und religiöse Form
Date
1923-01-01
Page
59 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Lebensform und religiöse Form 59 Lebensform ist weit mehr. Idee und Lehre waren auch ihr Anlaß. Weil aber ihr Material das LeT>en des Volkes war, so baute sie sich sozusagen nicht nur in den Raum auf, sondern auch in die Zeit. Daß der betende Jude bei den achtzehn Preisungen mit regungslosen Füßen wie vor einem unsichtbaren orientalischen Herrscher steht, hat einen Sinn, der, einmal ausgesprochen, entweder lächerlich wird, oder nur geschichtlich gedeutet werden kann. Allein der seelische Geltungswert dieses (und jedes) Brauches geht über seine gedankliche Ursache gewaltig hinaus. Jahrhunderte lang hat ein Volk seine Erschütterung und seine Bereitschaft vor dem Unendlichen in diese Form gezwungen und so wurde sie reibst zu einer Macht, die das seelische Grundgefühl des Volkes, seine Sprache, seine Phantasie und in letzter Verästelung noch sein Schicksal mitbestimmen mußte. Wer sich in'den Bann dieser Form stellt, stellt sich in den Bann jahrhundertealten, jüdischen Lebens. Als Form ist dieser Brauch Ausdruck einer kindlichen Ehrenbezeugung, die beliebig andere Formen hätte annehmen können, aber als Lebensform schafft er eine religiöse Verbundenheit mit den Geschlechterreihen, d. h. einen Halt im unendlichen Ablauf der Zeit. Das ist das Tragische unserer jüdischen Generation — und so erklärt sich auch das frühere Paradox —, daß ihre religiöse Kraft keine Lebensformen zu schaffen vermag, weil das jüdische Volk und weil sein Zeitmaterial vom außer jüdischen Leben gedanklich und ökonomisch aufgezehrt wird. Unsere Lebensformen zerfallen nach außen, und wir selbst verbrennen nach innen: das ist die heutige Situation des Galuth. Denn durch gedankliche Überlegung kann man nicht zu den alten Lebensformen geführt werden, auch nicht durch den Wunsch, als Konservierungsmittel zu nehmen, was nur als Selbstzweck in aller Unmittelbarkeit genommen werden kann. Und wenn sich Treugebliebene zu Gruppen zusammenschließen, so ist in der dichteren Atmosphäre kein schöpferischer religiöser Gedanke, kein neues Eilebnis möglich, das nur aus der Ganzheit des Lebens den Menschen überwältigt. Denn gerade in der Unmöglichkeit neuer Lebensformen beruht heute die Kraft der Orthodoxie. Sie ist in ihrer westlichen Doppelwelt schon heute und in der östlichen an einem allzunahen Morgen nur die Exegese eines Sondergefühls von Scheu und Geborgenheit. Undenkbar, daß der bloße j uridische Begriff einer sinaitischen Verpflichtung in allen Juden das Gegengewicht des europäischen Mitlebens einmal wird aufheben können. Und in der logischen Fundierung der religiösen Lebensformen gibt es gewiß keinen einzigen Gedanken, der auch nur hoffnungsweise die Juden gerade zur Orthodoxie zurückführen könnte. Aber inmitten unserer religiösen Not, die unsere wahre Volksnot ist, und inmitten des Weges zu freier Lebensmöglichkeit, welcher unser wahrer religiöser Weg ist, sollten wir uns des Schutzes der alten Lebensformen nur zögernd begeben. Nun ist es freilich mit den religiösen Formen so, daß man zögernd bei ihnen verweilen, aber nur leidenschaftlich sich von ihnen entfernen und leidenschaftlich zu ihnen zurückkehren kann. Wenn irgendeine Zeit, dann müßte die unsere solcher Leidenschaft fähig sein. Der religiöse Sinn ist wach, die Liebe zum Jüdischen wieder menschliches Bekenntnis. Aber die Synagoge, ntir eine der sichtbaren Stätten unserer Lebensformen, verzerrt durch die immer wiederholte Analogie zur Kirche, bleibt leer: eine Anstalt für Jahrzeitlicht und Kaddisch. Die Künstler, die Geistigen, die Männer des politischen Lebens gehen an ihr vorüber. Hier rächt sich überdies das Erbe einer aufklärerischen, bürgerlichen Zeit, die jüdische Lebensformen für nicht vernünftig genug oder zumindest für nicht nobel genug hielt. Es ist nicht mit einem Wort zu sagen, warum die große seelische Bereitschaft unserer Generation nicht den religiösen Lebens*

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