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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Lebensform und religiöse Form
Date
1923-01-01
Page
61 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen: Lebensform und religiöse Form 61 meint. Ich bewundere Moritz Heimann, den - Dichter, der im „Weib des Akiba" durch die gewohnte Sicherheitsatmosphäre hindurch die menschliche Sprache der Tannaini uns hat wieder hören lassen. Vor einiger Zeit ist „D i e jüdische Religion" von Michael Friedländer, zwölf Jahre nach dem Tode des Verfassers von seinem Neffen Josua Fried - länder aus dem Englischen übersetzt, bei J, Kauffmann, Frankfuit a. M. als deutsches Buch erschienen. Die ganze Erziehungsnaivität einer theoretisierenden Orthodoxie wird darin deutlich. Von all dem, was seine Voraussetzung ist, weiß das Buch nichts: nichts vom Wesen des religiösen Lebens und nichts von einem dynamischen Judentum. Die verzweifelten Worte aus dem Thalmud: „0, daß sie mich vergessen hätten und meine Gebotehielten!", was doch soviel heißt wie: wenn ihr schon Gott vergessen habet und das Gute sinnlos geworden ist, o, daß ihr doch wenigstens mechanisch das Böse miedet!, wird in seinem kalten, didaktischen Sinn zum Leitsatz des Werkes: Nicht zuviel um Gott sich kümmern, mehr an die Bräuche sich halten! Das Judentum selbst wird aber viel zu klein gesehen, wenn es nur verpflichtende Interpretierung einer literarischen Tradition ist. Das Judentum steht und fällt nicht damit, ob irgend eine seiner Lehren mit der Wissenschaft vereinbar ist oder nicht; denn es ist mehi als eine statische Idee, es ist der gesamte geistige Gehalt eines lebendigen, also werdenden Organismus. Im übrigen wird die Bibelkritik mit dem Gedanken erledigt, daß Gott alles möglich sei, und die Naturwissenschaft mit dem Tröste, daß eine Theorie die andere ablöse. Der Zusammenstoß mit der fremden Welt ereignet sich bei Friedländer eben nur literarisch und nicht menschlich; und literarisch auch nur nach dem Stande der mittelalterlichen spanischen Philosophie. Der Wert des Buches liegt in seiner Disposition. Die jüdischen Lehren werden als Paraphrasen der Glaubenssätze des Maimonides, die Bräuche in sozialen und kalendarischen Kapiteln untergebracht. Wer von außen her, d. h. ohne inneres Verhältnis zum orthodoxen Leben, in den Bereich dieses Buches tritt, wird unruhig fragen: Ist dies wirklich das kostbare und komplizierte Judentum unserer Generationen? Und er wird erfahren: der Geist dieses Buches ist wirklich der Massengeist der Orthodoxie. Hier ist freilich nichts vom scharfen Gedankensturm des Maimonides zu spüren, der das Firmament des göttlichen Namens vom Aberglauben reinfegt, nichts von der sanften Bestimmtheit des entsagenden Mendelssohn, aber auch nichts vom orientalischen Überschwang des wohleuropäisierten S. R. Hirsch oder vom kaltglühenden Ernst Nathan Birnbaums. Sie alle retteten sich aus einer Erschütterung, welche die Orthodoxie ihrer Zeit nicht kannte, in die religiösen Lebensformen. Und so wird es auch fernerhin bleiben, solange Unterricht und Gewohnheit den Schutt des Aberglaubens und der Selbstsicherheit nicht abgetragen haben: nur wer aus religiöser Erschütterung, die autonom und außerhalb jeder Lebensform erfahren wird, dem orthodoxen Kreis sich nähert, wird wieder jüdisches Gelände schauen. Friedrich Thieberger

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