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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Lebensform und religiöse Form
Date
1923-01-01
Page
58 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN LEBENSFORM UND RELI¬ GIÖSE FORM Darin ist unser Geschlecht mit keinem andern der jüdischen Geschichte vergleichbar, daß es in einer neuen, elementar-religiösen Weise vom Judentum ergriffen ist und trotzdem in das Erbgut des religiösen Lebens auch nicht den Hauch einer neuen Liebesrevolution gebracht hat. Man könnte fast das Paradox wagen, daß unser Geschlecht zu tief religiös ist, als daß es die Oberfläche des religiösen Lebens hätte erreichen können. Als zur Zeit der Einbürgerung ins europäische Vernunftleben die jüdische Leidenschaft erregt wurde, war die kultische Frage wenigstens Angriffsziel, Liebes- oder Haßobjekt, aber heute hat sie nicht einmal die Kraft, irgend einen Radikalismus für oder gegen sich zu erzeugen. Ja, aufrichtiger erscheint der heutigen Jugend, sofern sie Klarheit und Entscheidung sucht, die absurde Hingabe an die unverletzte Gesamtheit der religiösen Formen, als die gutmütige Bereitwilligkeit, die dem synagogalen Leben, wie einem Unterstützungsverein, Konzessionen macht. Und dennoch ist heute für die Existenz des Judentums die äußere Lebensform Schicksalsfrage. Denn was sind wir Juden in Mitteleuropa heute anderes, als verhallende Laute eines unwiederholbaren orchestralen Organismus? Unsere Lebensintensität als Juden mißt nur noch nach der Klangstärke unserer Erinnerung. Nicht der Erinnerung an Ideen und Lehren, sondern an die Dichte und Resonanz einet jüdischen Atmosphäre, in der man geliebt, gehaßt, gehofft und gelitten hat. Noch klingt in jedem von uns etwas von dieser jüdischen Musik, aber nur als ererbter Rhythmus, nicht als frei schaffende Variation uralten Satzes. Im orthodoxen Kreis allein ist der Satz noch lebendig. Freilich um den Preis eines entzweiten Lebens, dessen außerjüdische Hälfte nutzlos bekämpft werden muß, wenn man sich nicht lieber vor ihr verschließt. Nur wer das Ghetto bejaht, kann im Galuth orthodox sein, und nur wer das Galuth verneint, d. h. vor dem unabwendbaren Untergang des Galuth-Judentums erschauert, kann die Orthodoxie verstehen. Seitdem Mendelssohn in die jüdische Geschichte das Wort vom religiösen Zeremoniell geworfen hat, begann man Form und Sinn, Geschaffenes und Schöpferisches zu scheiden. Die Rabbiner - versammlungen, die Synoden galten nur diesem Unterschied. Ein Jahrhundert lang entformte man das jüdische Leben in sinnvolle Systeme, bis seine Schaffenskraft verloren war. Die Orthodoxie konnte die Steinthal und Cohen aus sich entlassen, aber die jüdischen Gedankensysteme der Steinthal und Cohen konnten kein jüdisches Leben und keine jüdischen Menschen mehr gestalten. Alle Reform meinte äußerlich zu sein, weil sie nur Formen veränderte, aber in Wirklichkeit zerstörte sie Lebensformen. Die führenden Reformer waren fast alle persönlich orthodox, und die Reformbewegung schöpfte ihren Antrieb daraus, daß sie die Erinnerung an die stärkeren orthodoxen Lebensformen erleichterte, vielleicht ermöglichte. Aber Erinnerungen erben sich nicht weiter. Nur Lebensformen. Darum scheint es mir heute wesentlich, den Unterschied zwischen Form und Lebensform zu erkennen. Die Form ist die Ausdrucksweise für eine Idee oder Lehre. Die

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