Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
55 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108815--6717-3108881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aufstieg und Abstieg 55 19. An jenem Tage war Freitag und Rabbi Chanan Abba betrat das Badehaus, um seinen Körper dem Sabbath zu Ehren zu reinigen, zog seine Kleider aus, faltete sie zusammen, band seinen Gürtel darum und stieg hinab und tauchte. Er stieg heraus und trocknete sich ab, umwand seinen Kopf mit seinem Schnupftuch und saß auf der oberen Abteilung, um zu schwitzen, wandte sich hierhin und dorthin, um zu sehen, ob er etwa einen Reisigbesen fände, seinen Körper nach dem Schwitzen zu schlagen, und einen Menschen, der ihm die Freundlichkeit erweisen und sich die Mühe machen würde, ihn zu schlagen. Da sah er eine Gruppe von Menschen, die saßen und sich unterhielten, und erkannte an ihrer Stimme, daß es Bettler waren. Da kam er und setzte sich zu ihnen und hörte ihrem Gespräche zu. Sie erzählten nach Art der Bettler: Wer hier Almosen gibt, und bei wem sie am Sabbath speisen. Da erzählte ihnen Rabbi Chanan Abba, daß er beim Vorsteher gewesen sei, der Vorsteher habe ihm einen Dukaten gegeben und ihn eingeladen, am Sabbath bei ihm zu speisen. Sie hörten es und natürlich glaubten sie ihm nicht. Offensichtlich wollte er sie nur anführen. Sie fielen über ihn her: Hohlkopf, wen willst du anschwindeln? Wer sagt, daß der Vorsteher ein Verschwender ist, dessen Bauch soll platzen. — Da sagte er zu ihnen: Nicht um mich vor euch zu rühmen, habe ich es euch erzählt, sondern um euch die Tür eines Wohltäters zu zeigen. — Und er schwur ihnen bei seinem Judentume, daß alle seine Worte wahr und richtig seien. Da sagten sie zueinander: Er hält uns zum Narren und schwört falsch. Kommt, werfen wir seine Kleider ins heiße Wasser. — Sie gingen und nahmen seine Kleider und fühlten die Münze. Da sagten sie: Geld! Wer weiß, wieviel Geld in diese Lumpen eingebunden ist! — Sie zerrissen die Kleider in viele Stücke: vielleicht finden sich in den Nähten Gelder und Banknoten. Sie ließen keine Naht auf der anderen, von den Hosen bis zum Rock, und vom Rock bis zum Hemd, bis sie daraus einen Haufen Fetzen gemacht hatten. Sie ließen ihn im Badehaus zurück, nackt und bloß. 20. Der Tag sank herab, und alle Nachkommen Jakobs bereiten ihr Herz und ihre Seele zu Ehren des Sabbath. Sie ziehen seidene Kleider an und gehen ins Bethaus, und als Rabbi Chanan Abba seine Kleider anziehen wollte, da war nichts mehr da. Sie hatten sie zerrissen und nicht einmal ein Fleckchen davon übrig gelassen, wie man es auf eine Wunde tut. Als Rabbi Chanan Abba das sah, begann er vor Freude zu hüpfen, zu springen und zu tanzen. Der Bademeister fragte ihn: Was soll die Freude? — Der Arme antwortete nicht, er sprang nur noch stärker in ungeheurer Freude.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.