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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
54 (sequence 17)
Language
German
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54 S. J. Agnon: 18. Rabbi Chanan Abba wandert von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und bettelt. Hier gibt man ihm einen Heller, dort stellt man in der Küche einen Teller Grütze vor ihn hin; hier sagt man zu ihm: es ist niemand zu Hause, man gibt im Laden —, und dort sagt man zu ihm: Gott möge dir geben, — und gibt ihm nichts. Räbbi Chanan Abba nimmt alles in Liebe auf sich: sicherlich ist es Gottes Wille! Manchmal sinnierte Rabbi Chanan Abba: warum hat Gott ihn zuerst erhoben, um ihn so zu erniedrigen, vom hohen Dache in die tiefe Grube? Aber sofort erkannte er Gottes Ratschluß an. Was bin ich, Staub und Asche, daß sich mein Verstand so weit vermessen sollte! Der Mensch ist stärker als ein Fels und kann viel tragen. Er geht und trägt. So vergingen viele Jahre. Gott mächt arm und macht reich; Rabbi Chanan Abba sank immer tiefer und seine Diener stiegen immer höher. Rabbi Chanan Abba ist auf einen Laib Brot gekommen und seine Diener essen Leckerbissen. Schon hat Rabbi Chanan Abba den Traum seines Reichtums vergessen, als ob dieses alles nur in einem anderen Leben gewesen wäre. Und er ging mit all den Armen, die Brot suchen, um das Mitleid der Leute zu erregen. Manchmal schloß er sich einem anderen an, und wurde Teilhaber beim Geschäft des Sammeins, und beide gingen zusammen, um sich mehr Ansehen zu geben und ein stattliches Almosen zu bekommen. Als er aber erkannte, daß seine Genossen ihn betrogen, kehrte er zu seiner früheren Weise zurück und wanderte allein. Einmal kam er in eine Stadt, trat in ein Haus und streckte die Hand aus. Der Hausherr, der früher bei ihm als Buchhalter in Stellung gewesen war, erkannte ihn, aber Rabbi Chanan Abba erkannte ihn nicht. Wie es heißt: Und Joseph erkannte seine Brüder, sie aber erkannten ihn nicht. Und Raschi seligen Andenkens erklärt: „denn er zog fort ohne Bart", und nun ist sein Bart groß geworden, und er ist im Mannesalter und hat einen ziemlichen Wanst. Und weil er ihn erkannte, nahm er einen Dukaten und gab ihn ihm. Rabbi Chanan Abba nahm die Münze und wollte sie in die Tasche stecken. Er fühlte, daß sie schwerer war als sonst die Münzen gewöhnlich. Er betrachtete sie und sah ein Goldstück vor sich. Da gab er es dem Hausherrn zurück und sagte: Vermutlich irrt Ihr Euch. Da beruhigte ihn der Hausherr, er habe sich nicht geirrt, und was er gegeben habe, habe er von ganzem Herzen gegeben. Und nicht nur das, sondern er bat ihn auch, bei ihm am Sabbath zu Gaste zu sein. Und er sagte: Habt Ihr gehört, lieber Jude, geht nicht über Sabbath in ein andetes Haus! Am Vorabend des Sabbath kommt zum Beten in die große Synagoge, fragt den Diener nach dem Vorsteher und er wird Euch zu mir bringen, um Gottes willen, vergeßt nicht! — Da freute sich der Arme, denn wenn sich ein reicher Mann einem Armen nähert, ist der Arme sicherlich bereit, sich die Annäherung geiallen zu lassen.

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