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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 53

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
53 (sequence 16)
Language
German
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Aufstieg und Abstieg 53 von den Festmählern zu genießen. Er hatte aufgehört, weil folgendes geschehen war. Ein Durchreisender war ins Lehrhaus gekommen und hatte am Sterbetage seines Vaters Geld ar die Armen verteilt. Er sah Rabbi Chanan Abba und steckte ihm etwas zu. Rabbi Chanan Abbas Gesicht wurde gelb, und er schleuderte die Münze fort. Er schleuderte die Münze fort und blieb weg von fremden Festmählern. Aber es war schon von oben bestimmt, daß er die Geschenke der Menschen benötigen sollte. Wenige Tage danach brach ein Streit zwischen ihm und dem Ladenbesitzer aus. Da ließ Rabbi Chanan Abba das Geschäft fahren und warf ihm den Schlüssel ins Gesicht. 17- „Wenn dein Bruder verarmt, dann sollst du ihm beistehen." Und sie standen ihm bei, jeder so gut er nach Gottes Segen konnte. Zwei ausgezeichnete junge Leute sprachen in jedem angesehenen Hause der Stadt vor und sammelten hier ein wenig, dort ein wenig, und die Leute im Lehrhause verpflichteten sich, ihm jede Woche, ein jeder nach seinem Vermögen, dieser zwei Kreuzer und jener drei Kreuzer zu geben und ernannten dazu einen Schatzmeister. Und am Vorabend des Sabbath pflegten sie es dem Rabbi Chanan Abba insgeheim zu bringen. Anfangs dachten si», ihn als Aufseher im Schlachthaus anzustellen, damit er sich ehrbar ernähre und nicht vom Mitleid der Menschen abhängig sei. Aber weil sie müde waren vom Streit im vergangenen Jahre, als man einen zweiten Aufseher hatte anstellen wollen, ließen sie die Hände davon. Sie standen ihm bei, der eine hierin, der andere darin, ein jeder, soviel er nach Gottes Segen vermochte. Und besonders die jungen Leute halfen ihm, denn sein erstaunlicher Abstieg, an dem etwas Unheimliches war, rührte an ihr Herz. Außer dam wöchentlichen Gelde gab man ihm noch einen Teil des Geldes, das beim Vorlesen des Buches Esther gesammelt wird, und von dem „halben Schekel" und dergleichen, und eine große Schale stellten sie am Vorabend des Versöhnungstages auf für „einen verschämten würdigen Armen", und zwei treffliche junge Leute standen dabei, um jedem Menschen ins Herz zu reden, recht viel hineinzutun. Aber für Geheimnisse ist hier nicht der Ort. Schließlich wußten alle, daß er seinen Teil bekam von dem, was beim Vorlesen des Buches Esther gesammelt wurde, und daß er der würdige Arme War> für den man die Schale am Vorabend des Versöhnungstages aufgestellt hatte. Sie gewöhnten sich daran, daß er ein Armer war, und verfuhren mit ihm wie mit einem Armen. Sie begannen ihm öffentlich zu geben, wie man einem Armen gibt. Weil er ein Armer geworden war wie alle Armen, nahmen die Almosen von selbst ab. Da wurde ihm in seiner Stadt zu eng und er ging in eine andere. Er wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und bettelte.

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