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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 52

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
52 (sequence 15)
Language
German
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52 S. J. Agnon: Rabbi Chanan Abba versuchte sein Glück zum zweiten Male und mietete sich einen kleinen Laden. Seine Ware holte er nicht aus der Ferne, nicht aus den Städten, er fuhr nicht auf Jahrmärkte nach Art der Großen, sondern er kauft Webware in seiner Stadt, und mit seinem Schweiße bringt er das Geld auf. Rabbi Chanan Abba nimmt seine Ware von einem Händler in der Stadt. Dieser Händler war früher Angestellter bei ihm gewesen, nun aber war ihm die Sonne des Glückes aufgegangen, und er war der Erste am Orte. Von ihm nimmt Rabbi Chanan Abba seine Waren, und auf den Namen der Frau des Mannes ist sein Laden bei Gericht eingetragen. Am Abend kommt er und bringt ihm den Schlüssel seines Ladens, und am Morgen kommt er wieder und holt ihn sich. Der Angestellte macht ihm keine Schwierigkeiten, und wenn ein Käufer eine Ware verlangt, die er nicht führt, darf Rabbi Chanan Abba sie auch von einem anderen holen. Und so nimmt er die Ware manchmal von diesem Angestellten und manchmal von jenem Angestellten. Ist der Käufer gegangen, so geht Rabbi Chanan Abba und bringt dem Besitzer das Geld oder die Ware. Aber Rabbi Chanan Abba sah keinen Segen bei diesem Laden. Die Leute wissen Bescheid. Wer Geld in der Tasche hat, geht zum großen Handelsmann, wer kein Geld in der Tasche hat, geht zu Rabbi Chanan Abba. Kurzum: zu ihm kamen nur unzuverlässige Kunden, Arme und Dürftige, die nichts besitzen, und deren Versprechungen nichts wert sind. Die ihm die Waren gaben, verhöhnten ihn: Der Herr, der vom Gelde anderer Kredit gibt. Er war dessen überdrüssig, im Laden zu sitzen. Wehe ihm, wenn Käufer kommen, wehe ihm, wenn keine Käufer kommen. Rabbi Chanan Abba sitzt lange im Lehrhause, sagt Kaddisch zum Andenken an die Seele seiner Frau, und lernt einen Abschnitt Mischnah. Bei Jahrzeiten im Lehrhaus, oder bei Festmählern im Lehrhaus ehrt man anfangs Rabbi Chanan .Abba, und wer mitleidig ist, gibt ihm den doppelten Anteil. Rabbi Chanan Abba bricht ein kleines Stück für den Segensspruch ab und hat damit das Frühstück beendigt und bewahrt den Rest füi den Abend auf. Am Tage kann der Mensch seinen Magen mit nichts abspeisen, nicht aber in der Nacht, denn der Hunger vertreibt den Schlaf. Und wenn er nicht schläft, so bewältigt ihn — Gott behüte — die Schwermut. Der all seinen Geschöpfen Nahrung gibt, gibt auch Rabbi Chanan Abba seine Nahrung. Ist ein Festmahl in der Stadt, eine Jahrzeit im Lehrhaus, so wird auch Rabbi Chanan Abba nicht vergessen. Manchmal macht eine Nachbarin einen Gelegenheitskauf auf dem Markte, eine Henne oder eine Ente, und kommt zu ihm, er solle sich daran beteiligen. Rabbi Chanan Abba beteiligt sich gegen seinen Willen, damit die Leute nicht merken, daß er sich alles abgehen läßt. Und die Nachbarin bereitet ihm von seinem Teile an dem Vogel unzählige Mahlzeiten. Und diese Gelegenheitskäufe retten ihn vor dem Hunger, denn schon hat Rabbi Chanan Abba aufgehört,

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