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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 51

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
51 (sequence 14)
Language
German
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Aufstieg und Abstieg 5! Um die Wahrheit zu sagen, es gab gar nicht so viel Hochzeiten in der Stadt. Die jungen Männer können sich nicht ernähren und gehen nach Amerika. Und die jungen Mädchen? — Mit Recht sagt man: wenn es bei den Juden ein Kloster gäbe, würden sie sich sofort alle dort vergraben und ihre Jungfräulichkeit beweinen. Jedenfalls entbrannte ein Streit in der Stadt: ist es möglich, daß zwei Könige dieselbe Krone tragen? Der Rabbiner der Stadt schreit: Kommt da einer als Fremder und will Richter über uns sein, — und warnt ihn, sich nicht in eine Sache zu mischen, die ihn nichts angeht. Und der junge Mann fordert vom Rabbiner der Stadt, der seine Ansprüche verletzt, sein Recht auf Grund der Vorschrift über den „Armen, der einen Kuchen über dem Feuer dreht, und ein anderer kommt und nimmt ihn ihm weg", und über den ,,Armen, der die Oliven an der Spitze des Ölbaums abschlagen darf". Kurz, er und seine Frau sitzen wie auf Nadeln in der Stadt, und Rabbi Chanan Abba und seine Frau sitzen im Laden, und der Laden ist leer. Der Laden ist leer, keine Waren und keine Käufer. Und noch immer drängt der Besitzer des Ladens ihn nicht. Solange kein anderer ihn mieten will, bleibt er wohnen. Schließlich fand sich ein anderer, der sah den Laden und stürzte sich darauf. Und Rabbi Chanan Abba zieht aus, in Verzweiflung. Der Herr des Erbarmens sucht den Menschen nicht zuerst an seiner Person heim. Gott wartete, bis Rabbi Chanan Abba seiner Güter ledig war, und danach trübte er den Verstand seiner Frau. Seine Frau sitzt den ganzen Tag im Winkel und schweigt und spricht mit niemandem ein Wort. Des öfteren am Tage springt sie auf, steigt auf den Boden und kramt dort herum. Das Gerücht sagt: sie hatte einen Strumpf voll Dukaten dort verborgen, er wurde gestohlen, und sie verlor den Verstand. Die Ärzte verordneten, jeden Tag mit ihr vor die Stadt zu fahren und spazieren zu gehen. Aber bis das Geld dafür beisammen war, hatte sie die Welt des Trübsais verlassen und ihre trauernde Seele vor allzugroßem Leid ausgehaucht. Sie starb und die Bewohner der Stadt kamen, ihr die letzte Liebe zu erweisen. Und als sie gingen, sie zum Friedhof zu geleiten, fanden sich fromme Männer, und sie sammelten untereinander, damit sich Rabbi Chanan Abba einen kleinen Laden aufmachen und sich anständig ernähren könne. Wie schön sagen doch unsere Weisen: Fromme Frauen sterben vor ihren Männern, damit sie nach deren Tode nicht noch Schande erleben. 16. Ist der Mensch reich, so kann er über einen Toten trauern, soviel er will, aber den Armen ziehen die Nahrungssorgen von seiner Trauer ab und, bringen seinen Toten in Vergessenheit. 4*

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