Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aufstieg und Abstieg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 50 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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S. J. A g a o n : geschlossen war, so schickte er seine Zahlen allein telegraphisch. Und wie viele schickte er? So viel man in der Lotterie setzen kann. Und was er im großen tat, tat seine Frau im kleinen. Rabbi Chanan Abba sitzt im Laden und sinnt nach. Der König David, Friede sei mit ihm, hat ein großes Buch voll Psalmen geschrieben. Hundert und fünfzig Psalmen sind darin, und da ist kein Psalm, in dem nicht ein; schöner Vers wäre, aus dem man schickliche Zahlen nehmen kann und sie in der Lotterie setzen. 14. Weder Rabbi Chanan Abba noch sein Gegner siegten. Siehst du zwei sich streiten, so kannst du gewiß sein, daß ein dritter kommen und siegen wird. Seit vielen Jahren hatte ein Zaddik darauf gespitzt, einem seiner Söhne dort den Rabbinatssitz zu verschatfen. Nicht etwa, daß der besonders geeignet dazu gewesen wäre, sondern nur weil die Einkünfte, so klein sie auch waren, es wert waren, sich darauf zu stürzen. Er hatte in Spinowka eine Betstube seiner Anhänger, die zu den frechsten Leuten der Stadt gehörten, und außerdem war jener Zaddik Verwalter der Gelder für Palästina. Und weil es keinen Juden gibt, der keine Verwandten in Palästina hat, oder nicht selbst einmal nach Palästina gehen will, tat man ihm seinen Willen. Und am Simchath-Thorah-Fest, als man den Sohn dieses Zaddik von der Klaus durch alle Straßen unter Singen und Tanzen auf seinen Ehrensitz trug, ging fast die ganze Stadt hin und sagte: Du bist unser Rabbiner, — Jene frommen Männer nämlich lebten schon längst nicht mehr, die seinen Großvater, den Zaddik, am Vorabend des Sabbath beim Dunkelwerden aus der Stadt vertrieben hatten, obwohl doch dessen Fingernagel mehr wert gewesen war als der Wanst all seiner Nachkommen. Mit der Menschheit geht es abwärts, und jetzt finden wir nichts mehr von der Demut der ersten Chassidim und der leidenschaftlichen Hingabe ihrer ersten Gegner. Man kam und schlug dem Rabbi Chanan Abba ein anderes Rabbinat vor. Kein richtiges Rabbinat, aber etwas ähnliches. So hatte es sich zugetragen: ein Rabbiner hatte die Erlaubnis von der1 Regierung bekommen, in der nahen Stadt Ehen zu schließen, weil der dortige Rabbiner das Recht dazu nicht besaß. Er hatte es jahrelang ausgeübt und wollte jetzt sein Besitzrecht um wenig Geld verkaufen. Rabbi Chanan Abba sah, daß er nicht genug Geld hatte, um seinem Schwiegersohn einen Rabbinatssitz zu verschaffen; so ging er hin und verkaufte, was sich verkaufen ließ, und gab dem Rabbiner Abstandsgeld. Der junge Mann fuhr hin, nahm sich dort 1 eine Wohnung und begann Ehen zu schließen und nahm seinen Teil von den Gebühren. Gott gebe allen Feinden Zions solchen Teil! Der junge Mann wollte in Ruhe und Armut leben, da fiel ihn der Zorn des Rabbiners an. Der Rabbiner dort starb. Da nahm die Gemeinde einen anderen Rabbiner, einen reichen und sprachkundigen Mann; der nahm die Sache selbst in die Hand und bekam auch das Recht, Ehen zü schließen.